Gravedona, die wiege des Geschlechts (A.D. 1254)
Die älteste Urkunde, in der unser Familienname aufgezeichnet ist und die sieben
Jahrhunderte überdauert hat, trägt das Datum vom 11. Dezember 1254.
Dieses Datum ist das Fesselndste und Beziehungsreichste des ganzen Dokuments, schließen
doch jenes Jahr und jener Monat, ja jene ersten elf Tage des Monats eine Zusammenballung
des Schicksals des Abendlandes in sich. Dem Menschen des Hochmittelalters bot sich ein
geschlossenes Weltbild, eine Einheit des Rechts, des Glaubens und der Macht, das wie in
einem Dom gipfelte. Und am höchsten Punkte gegen den Himmel zu war der Sitz des Kaisers
oder des Papstes oder beider. Jede Erschütterung an der Spitze dieser Welt ließ auch die Erde
erzittern. Vier Jahre zuvor, am 13. Dezember 1250, war der letzte große Hohenstaufen
gestorben, Kaiser Friedrich II., der über das christliche Reich und darüber hinaus geherrscht
hatte. Der geistliche Herrscher, Papst Innozenz IV., war aus der Verbannung zurückgekehrt
in die Lombardei, um die weltlichen Nachfolger des letzten großen Kaisers in die Schranken
zu weisen und um die Macht der Kirche weit über die Macht der Könige zu erheben. In
diesem Jahre 1254 hatte sich alles erfüllt. Der König von Frankreich, Ludwig IX., der Heilige,
war von seinem Kreuzzug zurückgekehrt. Im Mai desselben Jahres war der letzte legitime
Nachfahr Kaiser Friedrichs, der junge König Konrad IV., plötzlich gestorben. Der Papst ward
Vormund seines Sohnes. Der Papst eroberte Neapel, die letzte Hochburg der Hohenstaufen.
Manfred, der jüngste Sohn Friedrichs II., der König von Sizilien, schloß sich endlich dem
Papste an. Die geistliche Weltherrschaft schien besiegelt. Doch plötzlich sagte sich der kühne
König Manfred los, sammelte seine Getreuen und schlug das päpstliche Heer bei Foggia. Das
war am 2. Dezember. Die Kunde davon mag Gravedona am oberen Teil des Comersees
bereits erreicht haben. Unterwerfung und Absage des Königs, Flucht und Sieg, das alles war
im Kreis der wenigen vorangehenden Tage beschlossen. Das Schicksal hatte aber noch mehr
auf diese Dezembertage vorbehalten. Am 7. Dezember starb der Papst, Innozenz IV., der
erste unumschränkte Beherrscher der ganzen Christenheit, der geistliche Herrscher mit dem
eisernen Willen, dem nur so kurze Zeit nach dem Tode seines weltlichen Rivalen eingeräumt
war, um die Oberherrschaft der Kirche auszuüben, und der kurz vor der Vollendung noch
diesen Rückschlag erlitten hatte, er war nicht mehr. Das Ereignis kündete Verwirrung und
Aufruhr, in Rom und bis in die Lombardei.
Das war der Dezember des Jahres 1254, als im Kapitelsaal zu San Vincenzo am Ufer des
Comersees außerhalb des Landstädtchens Gravedona einige geistliche und weltliche Herren
zusammenkamen, um vor Jahresende noch etwas Geschäftliches zu erledigen. Vor dem
Hintergrund des Zeitgeschehens ist der Inhalt der Urkunde recht unbedeutend und banal. Es
sind zwei Quittungen auf dem gleichen Blatt, die eine über einen Pachtzins an das geistliche
Kapitel, die andere über die Rückzahlung eines Darlehens. Wie in einem guten Theaterstück
treten in dieser ersten Szene die Hauptpersonen, die Pestalozzi, noch gar nicht persönlich auf,
sondern, soweit sie verstorben sind, werden sie nur erwähnt, soweit sie leben aber noch nicht
volljährig sind, wird über sie verhandelt.
So lautet die leicht gekürzte Übersetzung:
«1254 am 11 . Dezember, in der 13. Indiction, Johannes, Sohn des Herrn Ubertus de Castello
von Domaso, und Ottobellus, Sohn des Herrn Ubertus de Sala von Como, Kanoniker und
Brüder der Kirche zu San Vincenzo der Landschaft Gravedona, erklären für sich und namens