zahlreiche Kirchgemeinden zum reformierten Glauben übergingen, viele katholische Stifte
und Kirchenfürsten am Recht zur Ernennung der Geistlichen noch durch Jahrhunderte
hindurch festhielten und die Kollatur ausübten. Sie waren naturgemäß verpflichtet, die von
der weltlichen Obrigkeit vorgeschlagenen protestantischen Geistlichen zu ernennen. Als
beispielsweise der Pfarrer von Basadingen starb, machte der Rat von Zürich 1768 einen
Dreiervorschlag von drei jungen stadtzürcherischen protestantischen Geistlichen. Unter
diesen war auch «Herr Expectant» Hans Rudolf Pestaluz
184
. Die Wahl aber traf die Frau
Priorin und der Konvent zu St. Katharinental als Kollatoren. Sie fiel nicht auf Hans Rudolf
Pestaluz. Dafür wurde er 1775 zum Pfarrer der Gemeinde Neukirch bei Bischofszell im
oberen Thurgau gewählt, deren Seelsorger Ulrich Hafner verstorben war und deren
Kirchensatz dem Rat von Zürich direkt zustand. Die Landpfarrer waren aber nicht auf Rosen
gebettet, und auch Neukirch war eine recht mager dotierte Pfarrei. Immerhin konnte Hans
Rudolf Pestaluz jetzt einen eigenen Hausstand gründen. Er vermählte sich mit Dorothea
Locher, die ihm zwei Kinder schenkte. Da er sehr beschäftigt war als Seelsorger und sogar
des Sonntags zweimal predigen mußte, erhielt er eine Aufbesserung. Die Zürcher Regierung
beschloß am 3.Januar 1776:
«M.gnd.Hrn haben den Herrn Pfarrer Hans Rodolf Pestaluz zu Neukirch im Thurgau in
seinem demüthig bittlichen ansuchen, mit gnädiger Zutheilung derjenigen
Personalgnade von
6 Mütt Kernen und
Vier Saum Wein
aus dem Schloß Weinfelden zu erhören geruhet, welche seine Vorfahren, wegen
widerum eingeführter doppelter Morgen Predigt an denen Sonn-, Fest- und Bättagen
genossen haben, in der Meinung, daß er solches als eine Personal-Gnade und nur so
lange als diese doppelte Fonction dauren, Er auch mit ohnausgesetzter Leistung sothane
Obliegenheit fürfahren wird, alljährlich und zwar mit Martini dises ausgetrettenen
Jahres das erste Mahl zu beziehen haben solle
185
.»
Auch vom Familienfonds erhielt er zwei Darlehen, und nach seinem Tode wurde seiner
Witwe eine Pension ausgesetzt. Als Stadtbürger mußte Pfarrer Hans Rudolf Pestaluz einer
Zunft angehören, auch wenn er auswärts wohnte. Er war der Zunft zur Saffran treu
geblieben, der schon sein Vater und seine früheren Vorfahren angehört hatten.
Die nächste Generation blieb im geistlichen Stande. Die Tochter Anna Dorothea heiratete
1797 den Pfarrer Hans Jakob Wolf (1766-1825), der Präzeptor an der Mittelschule war und als
«Provisor» im Haus zur Provisorei (Ecke Chorherrenplatz/Kirchgasse) wohnte. Er war
Lehrer der lateinischen Sprache und der Religion an der Gelehrtenschule.
Johann Martin Pestaluz (1781-1824) war nach der üblichen Ausbildung der zürcherischen
Geistlichen 1802 ordiniert worden. Zunächst wurde er Pfarrer in Witikon und Hauslehrer bei
Oberst Johann Jakob Meyer in Stadelhofen, dem Verteidiger Zürichs. Seine Zöglinge
schätzten ihn als «munteren frischen Mann». Als er 1806 als Pfarrer nach Niederweningen
gewählt wurde, konnte er nach langer Verlobungszeit seine Braut, «das schöne Mädeli
Orell»‚ Anna Magdalena von Orelli, heimführen und seinen eigenen Hausstand gründen. In
seiner Gemeinde entfaltete er eine eifrige Tätigkeit. In der Teuerungszeit wollte er nicht nur
die Hungrigen speisen, sondern sie auch an nützliche Arbeit gewöhnen. Er bemühte sich
184
Staatsarchiv Zürich, Ratsmanual 939, S. 72 (21.12.1768).
185
Staatsarchiv Zürich, Ratsmanual 969, S. 4 (3.1.1776).