In der Zeit des heraufziehenden Umbruches arbeitete Pestalozzi an seinen «Nachforschungen
über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts», in denen Herder
«die Geburt des deutschen philosophischen Genius» erblickt hat. Er verkündet darin das
Übergewicht des Rechts über die Gewalt, die Größe des Menschen durch das sittliche Recht,
das auf dem freien Willen ruht.
Es überrascht, daß wir mitten in dieser Zeit drängender Ideen und stürmender
Entwicklungen, gleichsam nebenbei, Pestalozzi in Zürich auf der Platte am 8.April 1796 eine
Seidenfabrikationsfirma «Heinrich Pestaluz» eröffnen sehen (heute Plattenstraße 16).
Offenbar um einem Verwandten seiner Mutter, Hans Caspar Notz, zu helfen, der aus der
Stadt hatte fliehen müssen, und um für dessen Familie das Geschäft zu retten, etablierte er
sich als Handelsmann
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. Zwei Jahre später hörte man nichts mehr von dieser Firma, denn
inzwischen war das Handelsmonopol der Stadtbürger von den Zeitereignissen ausgewischt
worden, und der ehemalige Nichtstadtbürger Notz konnte zurückkehren.
Die Kraft Pestalozzis war jetzt für größere Aufgaben vonnöten.
VIII.
«Zu Stans Vater der Waisen». Der Sturm hatte die alte Ordnung auch in der Schweiz
weggefegt. Die geistigen Kräfte des Landes waren zu öffentlicher Wirksamkeit aufgerufen.
Pestalozzi sah endlich seine Zeit gekommen. Als am 9.September 1798 der Flecken Stans von
den Franzosen erobert wurde, Tod und Brand die unglückliche Landschaft heimsuchte,
beauftragte das helvetische Direktorium auf Anregung des Ministers Albrecht Rengger
Pestalozzi damit, die Waisenkinder der kriegsverwüsteten Gegend zu sammeln. Jetzt konnte
er seinen Helferwillen in die Tat umsetzen, jetzt konnte er unglückliche Kinder aufnehmen,
sie erziehen, ihnen helfen.
«Ich war vom Morgen bis Abend so viel als allein in ihrer Mitte. Alles, was ihnen an Leib
und Seele Gutes geschah, ging aus meiner Hand. Jede Hilfe, jede Handbietung in der
Not, jede Lehre, die sie erhielten, ging unmittelbar von mir aus. Meine Hand lag in ihrer
Hand, mein Aug ruhte auf ihrem Aug. Meine Tränen flossen mit den ihrigen, und mein
Lächeln begleitete das Ihrige. Sie waren außer der Welt, sie waren außer Stans, sie waren
bei mir, und ich war bei ihnen. Ihre Suppe war die meinige, ihr Trank war der meinige.
Ich hatte nichts, ich hatte keine Haushaltung, keine Freunde, keine Dienste um mich, ich
hatte nur sie. Waren sie gesund, ich stand in ihrer Mitte, waren sie krank, ich war an
ihrer Seite. Ich schlief in ihrer Mitte. Ich war am Abend der letzte, der ins Bett ging, und
am Morgen der erste, der aufstand. Ich betete und lehrte noch im Bett mit ihnen, bis sie
einschliefen, sie wollten es so
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.»
Hier fand er tiefste Erkenntnis in seiner erzieherischen Berufung, die Verbesserung des
Unterrichts vom Einfachsten her. Als die militärischen Ereignisse, der Vormarsch der
Österreicher, auch diesem Werk ein vorzeitiges Ende bereiteten, als Pestalozzi sich bis zur
völligen Erschöpfung ausgegeben hatte, da hatte sich doch etwas in ihm gefestigt, das
Bewußtsein seiner pädagogischen Berufung.
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A. Corrodi-Sulzer, Heinrich Pestalozzis Beziehungen zur Zürcher Seidenindustrie, im Zürcher
Taschenbuch 1926.
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Pestalozzis Brief über seinen Aufenthalt in Stans (Cotta-Ausgabe seiner sämtl. Schriften, Stuttgart und
Tübingen 1819-1826, IX, 3).