Institut aufzunehmen. Als Yverdon am Neuenburgersee ihm anbot, das große Schloß
einzurichten und auf Lebzeiten zu überlassen, nahm Pestalozzi an. Schwer wurde ihm der
Verzicht auf eine Einladung des Kaisers Alexander von Rußland, in russische Staatsdienste
zu treten und von der Universität Dorpat aus die russische Volksschule zu schaffen.
Im Juni 1806 wurde die Anstalt eröffnet. Bald kam sie zu hoher Blüte. Sie entwickelte sich zu
einer Art Landerziehungsheim. Zöglinge aus aller Welt, von Rußland bis Spanien, fanden
sich ein. Zeitweise waren es bis hundertfünfzig. Die Zahl der Lehrkräfte wuchs auf über
dreißig. Ein Mädchenpensionat wurde angegliedert. Pestalozzi fand viele Propheten, die sein
Werk verkündeten und verbreiteten. Es sei nur an Père Grégoire Girard erinnert, der in der
katholischen Schweiz für seine Methode wirkte. Wer als Gebildeter eine Schweizer Reise
machte, der besuchte das Institut. Nicht nur für Schulmänner und Erzieher wurde Yverdon
zum Wallfahrtsort. Madame de Staèl, Marianne von Willemer, die spätere Freundin Goethes,
der Geograph Karl Ritter, der Mathematiker Johann Friedrich Ladomus, Therese von
Brunswick, die Freundin Beethovens, der Pädagoge Friedrich Fröbel und viele, viele andere
hielten sich längere oder kürzere Zeit dort auf um die Methode zu studieren oder Schüler zu
bringen. Der preußische Staat schickte Schüler, die später das preußische Volksschulwesen
aufbauen sollten. Jetzt war Pestalozzi auf der Höhe seines Ruhms. Aber die Anstalt wuchs
immer mehr, sie wurde zum Schulstaat, den Pestalozzis gütige Hände nicht mehr zu regieren
vermochten. Es kam zu Zwistigkeiten zwischen den Lehrern und zu Polemiken über die
Methode.
Wohl hatte Pestalozzi die Genugtuung, von Kaiser Alexander von Rußland bei seiner
Durchreise durch Basel, 1814, empfangen zu werden und einen kleinen Orden, den
Wladimirorden, zu erhalten; wohl wurde er beim Reformationsjubiläum 1817 durch die
Universität Breslau mit der Doktorwürde honoris causa ausgezeichnet. Er hatte auch die
Genugtuung, mit der englischen Welt Beziehungen anzuknüpfen. Auch ein weiterer Wunsch
Pestalozzis ging in Erfüllung, er konnte in Clindy eine Armenanstalt errichten.
Noch einmal, als 1815 die schwer errungene Freiheit des Menschengeschlechts in Gefahr
stand, von den Anhängern der alten Ordnung beseitigt zu werden, stand Pestalozzi als
leidenschaftlicher Politiker auf, mit dem Aufruf «An die Unschuld, den Ernst und den
Edelmut meines Zeitalters und meines Vaterlandes». Darin stehen seine bleibenden Sätze:
«Laßt uns Menschen werden, damit wir wieder Bürger, damit wir wieder Staaten
werden können.» «Es ist für den sittlich, geistig und bürgerlich gesunden Weitteil keine
Rettung möglich, als durch Erziehung, als durch die Bildung zur Menschlichkeit, als
durch Menschenbildung.»
Als Ende 1815 mit dem Tode von Pestalozzis Gattin der gute Hausgeist aus dem Schlosse
Yverdon ausgezogen war, brach neuer Zwist unter den Lehrern aus. Einzelne lösten sich. Je
mehr der belebende Geist Pestalozzis seinen Einfluß auf die Anstalt verlor und ihre Führung
an andere überging, desto weiter schritt die Zersetzung, so daß 1825 das Institut geschlossen
werden mußte.
Der greise Pestalozzi zog sich auf seinen « Neuhof» zu seinem Enkel zurück.
XI.
So war der Kreis geschlossen.
Drei Menschenalter hat Pestalozzi in seiner eigenen Familie erlebt.