Unterricht, sondern auch weiteren Zöglingen aus der Schweiz und Frankreich. Überdies
amtete er als Schulinspektor.
Ein neuer Lebensabschnitt begann, als Mathias Pestaluz am 2.Juli 1818 als Pfarrer nach
Richterswil gewählt wurde. Drei Jahre später wurde er auch Kämmerer des Pfarrkapitels am
Zürichsee und 1828 dessen Dekan. Auch hier bekundete er sein Interesse für die Schule mit
der Stiftung eines Schulfonds. In dieser aufstrebenden Zürichseegemeinde war es aber die
Musik, die ihn zum Herzen des Volkes führte. Er fand dort eine Musikgesellschaft vor mit
einem gemischten Chor und Orchester. Der neue Pfarrer, der selber ein ausgezeichneter
Klavierspieler war, berief nun die Sänger wöchentlich an einem Abend zu sich und übte
tüchtig mit ihnen. Als die Gesellschaft mit der Zeit auseinanderging, sammelte er den Rest
und gründete mit ihnen den Männerchor. Er pflegte den Gesang mit sorgsamem Ernst.
«Jeden Montag Abend» - so berichtete ein Mitglied des Chors - «von 6 bis 8 Uhr hatten
wir Übung im Pfarrhause. Das waren herrliche Stunden, ohne gewichtige Gründe fehlte
keiner. Nachdem jede Stimme eingeübt und das Stück zusammen gesungen war, gab es
ein Viertelstündchen Pause, während welcher der Pfarrer immer etwas Unterhaltendes
zu erzählen wußte; er war ein lebendiges Anekdotenbuch. Saß er dann aber wieder am
Klavier, so durfte nicht einmal leise geredet werden.»
Von ihm selbst erzählt man die bekannte Anekdote, wie einst in einer Wirtschaft ihn ein
Fuhrmann necken wollte mit der Frage: «Nicht wahr, Herr Pfarrer, Ihr habt bei Euch auch
solche, welche nie in die Kirche gehen?»‚ da antwortete Pestaluz schnell gefaßt: «Ja, ich habe
einen ganzen Stall voll!»
Als hervorragender Förderer des Volksgesangs stand Pestaluz in sehr naher Beziehung mit
dem Meister dieser Kunstgattung, dem «Sängervater» Hans Georg Nägeli (1773-1836). Dieser
legte großen Wert auf Pestaluzens Urteil und erbat seine Meinung schon vor Herausgabe
seiner Lieder. Als beispielsweise sein Choralwerk im Druck erschien, sandte er zahlreiche
Exemplare jedes neugedruckten Bogens nach Richterswil. Im Nachgesang nach der
Kinderlehre ließ dann Pfarrer Pestaluz diese Choräle üben, wobei die Mitglieder des
Sängervereins Tenor und Baß sangen.
Diese fruchtbare Wirksamkeit in seiner Gemeinde strahlte naturgemäß weiter. Der so reich
begabte und unermüdliche Mann, der das Glück hatte, in einer aufstrebenden Zeit zu leben,
suchte Verbindung mit gleichgesinnten Männern, erstrebte viel und brachte vieles zustande.
Einen solchen Gleichgesinnten hatte er in Pfarrer Johann Jakob Dändliker in Stäfa (1780-1859)
gefunden. Dieser war übrigens ein Schüler Heinrich Pestalozzis aus der Burgdorfer Zeit und
hatte in Stäfa die erste Schule nach seiner Methode im Heimatkanton des großen Pädagogen
eröffnet. Mit Dändliker zusammen gründete Pfarrer Mathias Pestaluz 1825 den Sängerverein
am Zürichsee. Die aufblühenden Gemeinden am Ufer des Sees boten empfänglichen Boden.
Und so entstand noch vor der Entwicklung der dreißiger und vierziger Jahre am See ein
frisches Gesangsleben, welches seinerseits den fortschrittlichen Bestrebungen -
auch den
politischen - der heraufkommenden Zeit wesentlich vorgearbeitet und die Bahn geebnet hat.
Pfarrer Pestaluz, der begeisterte Sänger, der freisinnige Geistliche im edelsten Sinne, hat diese
Zeit vorbereiten helfen, erlebt hat er sie nicht; denn er starb am 26.September 1829
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Pfarrer Mathias Pestaluz:
H. G. Sulzberger, Biographisches Verzeichnis der Geistlichen aller evangelischen Gemeinden des Kt.
Thurgau, 1863, S.28. Zürcher Pfarrerbuch, hg. von E. Dejung und W. Wuhrmann, Zürich 1953, S.466.