Pestalozzi hat sich nie geschont. Auch die Belastung repräsentativer Pflichten nahm er auf
sich, so die Leitung der eidgenössischen Feste in Zürich (1903 Turnfest, 1905 Sängerfest, 1907
Schützenfest). Sein Wesen, seine Art, sich zu geben, war überaus freundlich, er trat gewandt
und elegant auf, und die stets wohl vorbereitete Rede floß ihm leicht, warm, ja feurig von den
Lippen, wenn der Anlaß ihn begeisterte.
Vom Jahre 1885 an war er auch Mitglied des Kantonsrates. Hier tat er sich vor allem bei der
Beratung des Zuteilungsgesetzes und bei der Vorbereitung für den Bau der neuen
Hochschulgebäude hervor. Im Jahre 1902 präsidierte er das kantonale Parlament.
In den Nationalrat wurde Pestalozzi im Jahre 1890 gewählt, wo er der liberal-demokratischen
Gruppe (dem sogenannten Zentrum) angehörte. Das parlamentarische Mandat gab er auf,
nachdem er in die Verwaltung der Schweizerischen Bundesbahnen gewählt worden war.
Die zweite Aufgabe, die er sich vorgenommen hatte, wurde aufs schönste erfüllt, als 1898 das
Schweizerische Landesmuseum eröffnet wurde, als dessen Sitz dank seiner Bemühungen
nach vielen Auseinandersetzungen die Stadt Zürich bestimmt worden war. Er war vom
Bundes- rat als Präsident der Landesmuseumskommission bestellt worden und fand bei allen
Mitarbeitern große Anerkennung.
Schließlich verdanken die schweizerischen Städte Pestalozzi die Anregung zur Gründung des
Schweizerischen Städteverbandes. Die letzte Aufgabe, die er auf seine Schultern nahm, war
(1908) das Präsidium des Schweizerischen Vereins vom Roten Kreuz.
Mitten aus rastloser Arbeit schied Hans Pestalozzi am 14.Juni 1909.
Das erste Stadtoberhaupt von Groß-Zürich hat in allen Kreisen der Bevölkerung einen
seltenen Grad von Hochachtung und Sympathie genossen, die bei seinem Tode vielfachen
Ausdruck fanden. Seine Arbeitsfreude und unermüdliche Pflichttreue hatte jenes Vertrauen
geschaffen, ohne welches eine so große Verwaltung nicht schöpferisch arbeiten kann oder
vom Bürger als unpersönliche Last empfunden wird. Daß die größte Kommunalverwaltung
der Schweiz nie der menschlichen Beziehung entbehrte und Dienerin des Volkes blieb, ist das
große Verdienst ihres ersten Stadtpräsidenten, Hans Pestalozzi
273
.
Pfarrer Carl Pestalozzi in St. Gallen, 1852-1929
274
Johann Carl Pestalozzi, geboren am 21.März 1852, war der Sohn des Spitalpfarrers Dr. theol.
Carl Pestalozzi aus der Linie zum Wolkenstein und der Anna Pestalozzi aus der Froschau.
Aus innerer Berufung wählte er das Studium der Theologie, dem er in Basel, Leipzig und
Tübingen oblag. In Zürich wurde er am 9.Mai 1875 von Antistes Finsler, seinem späteren
Schwiegervater, ordiniert. Nach kurzen Vikariatszeiten bei seinem Schwager, Pfarrer Martin
Usteri in Oetwil am See, und bei Dekan Hirzel in Bauma, und nach einem Aufenthalt in Genf
bezog er seine erste Pfarrstelle 1876 im Städtchen Elgg, zunächst als Vikar und am 22.Juli
1877 als Pfarrer. Hier bestand er seine erste große Bewährung, hatte doch eben eine große
Feuersbrunst den dritten Teil der Ortschaft zerstört. Elfeinhalb Jahre wirkte Carl Pestalozzi
als Seelsorger dieser Gemeinde und erteilte Religionsunterricht an den sieben
273
Stadtpräsident Hans Pestalozzi:
Neujahrsblatt zum Besten des Waisenhauses, Zürich 1912 (biograph. Beiträge von Prof. Aug. Stadler und
Stadtpräsident Billeter). Zürcher Freitagszeitung, 1909, Nr.26 vom 25.6.1909. Zürcher Wochenchronik, 1909,
Nr.25 vom 19.6.1909. Stadtpräsident H.P., Reden, gehalten zum Gedächtnis von, Zürich 1909.
274
Stammtafel 27