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hält sprach-geschichtlich und vor den Urkunden so wenig stand wie die entsprechende
Legende. Damit entfällt auch die neuere und weniger ruhmselige Vermutung, die
Bezeichnung «Pesta-le-ossa» könnte dem Beruf der Knochenmüller gegolten haben.
Nach einer Mitteilung von Dr. F. V. Semadeni ist «lozza» (lolium italicum) die Bezeichnung
für ein Heilkraut «Lieschgras», woraus er ableitet, die ersten «Pestalozza» hätten Heilkräuter
gestampft, wären demnach so etwas wie Apotheker oder Drogisten gewesen. Die Erklärung
des Wortes scheint mir aber viel einfacher und eindeutiger zu sein. «Lozza» ist im
Veltlinerdialekt Stallmist (colaticcio di stalla). Noch heute ist im Veltlin einer, «che pesta
lozza»‚ einer, der dem Vieh nachläuft und gelegentlich in dessen Mist tritt. Noch heute ruft
die Veltliner Bäuerin ihrem Kinde, das sich beim Stall herumtreibt, zu «non pestare lozza».
Ein Übername also für einen, der dem Vieh nachläuft. Der Übername mag einem Manne
gegeben worden sein, der zu Beginn des 13.Jahrhunderts, als solche Beinamen sich in
Geschlechtsnamen wandelten, seinen Viehbeständen nachging und diese gelegentlich
persönlich beaufsichtigte. Denn um das Jahr 1300 ist es bereits ein eingebürgerter
Geschlechtsname.
Wir dürfen uns dabei nicht unbedingt vorstellen, daß der erste «Pestalozza» sein Vieh selbst
auf die Alpen getrieben habe. Wäre er ein Bauer oder Älpler gewesen wie die andern, dann
hätte ja kein Anlaß bestanden, ihm deswegen einen Übernamen zu geben. Oder wäre
beispielsweise Guilhelmus Pestaloza selber Alphirte oder Alpaufseher gewesen, dann wäre
sein Platz auf den Alpen oben gewesen, dann hätte ihm auch nicht mitten im Sommer die
richterliche Verfügung in der Stadt Gravedona persönlich übergeben werden können, wie es
in der Urkunde von 1297 bescheinigt ist. Der Annahme, daß die ersten Pestalozzi sich bei
ihrem Vieh auf den Alpen aufgehalten haben, widerspricht vor allem auch die
gesellschaftliche und ökonomische Stellung des Geschlechts in dem Zeitpunkt, als es ins Licht
der Urkunden tritt. Die Pestalozza waren begüterte Herren, die größere Alpen pachteten, die
daraus ein Geschäft zu machen wußten und anderen Viehbesitzern als Unterbeteiligten oder
Gesellschaftern die Sömmerung des Viehs auf diesen Alpen vermittelten. Dazu kommt vor
allem auch, daß schon die ersten Pestalozza, die als Alpenpächter erscheinen, dem Adel
zugezählt werden. Schon Guilhelmus wie auch nachher Petrollus führen den Adelstitel «Ser».
Dies ist eine Abkürzung von «Signore» und wurde den Angehörigen des Herrenstandes
zuerkannt. Der Titel, der gleichbedeutend ist mit «Dominus»‚wurde immer in Verbindung
mit dem Vornamen gebraucht wie heute noch das englische «Sir».
Der Wohlstand der Adelsgeschlechter um den obern Comersee beruhte naturgemäß in der
damaligen Frühzeit zur Hauptsache in landwirtschaftlichen Gütern und daher auch im
Viehbesitz. Der erste, dem man den Beinamen «Pestalozza» gegeben hat, wird daher ein
begüterter Herr gewesen sein, dem man -
aus Scherz oder aus Neid -
diesen Übernamen
gegeben hat, weil er sich auffälligerweise gelegentlich persönlich um seinen Viehbestand
gekümmert hat.
In späterer Zeit wurde der Name latinisiert. Neben der Form «Pestalozza» erscheint dann
immer häufiger die Form «de Pestalotiis»‚ die lautlich der italienischen Pluralform
«Pestalozzi» entsprach. In der italienischen Sprache wird aber bis ins 17.Jahrhundert die
Form Pestalozzi nur gebraucht, wenn es sich um eine Mehrzahl handelt (nach der
Deklination: il poeta, i poeti). Erst viel später, als der Sinn für die Deklination der
Geschlechtsnamen verloren gegangen war und einzelne Zweige der Familie sich im
deutschen oder französischen Sprachgebiet niedergelassen hatten, begannen verschiedene
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