Um sich zu entlasten, gab er 1910 seine Arztpraxis auf und zog nach Zug, wo er sich ganz
dem katholischen Vereinsleben widmete.
Die Mitgliedschaft bei einem Freundeskreis, genannt «Gesellschaft des alten Zürich», weckte
in ihm das historische Interesse. Selbst kinderlos, hat er sich daher für die Geschichte seiner
Familie stets interessiert; aus seiner Feder stammt das 1900 von der Familie zum
hundertfünfzigsten Jubiläum der Gründung unseres Familienfonds herausgegebenen Werk
«Die Familie Pestalozzi in Zürich». Viele der von ihm gesammelten Materialien haben auch
in der vorliegenden Veröffentlichung Verwendung gefunden. Aus der Feder von Frau
Pestalozzi-Pfyffer kam das kunsthistorische Werk «Der Meister A. 5. und die Schongauer».
Im öffentlichen Leben hat Dr. Emil Pestalozzi verschiedene Stellungen bekleidet. Während
der Gersauer Zeit war er Suppleant des Kantonsgerichtes. Im Militärdienst bekleidete er den
Rang eines Oberstleutnants der Sanität.
Das weltliche Haupt der Kirche, für die er so viel geleistet hat, dankte ihm 1912 durch die
Ernennung zum Kommandeur des Pius-Ordens. Seine Schweizer Glaubensgenossen wählten
ihn zum Ehrenpräsidenten des Schweizerischen Katholischen Volksvereins. Mitten aus der
Arbeit ist er am 28.November 1929 in seinem Heim in Zug nach kurzer Krankheit abberufen
worden.
Was ihn menschlich mit den Kreisen wieder zusammenführte, denen er sich durch seinen
Übertritt entfremdet hatte, das waren sein tiefer Ernst, seine Liebenswürdigkeit und seine
große Bescheidenheit
277
.
Dr. Med. Heinrich Pestalozzi in Männedorf, 1854-1918
278
Ein Arzt völlig anderer Art, ein Landarzt im wahren Sinne des Wortes, aber eine nicht
minder ausgeprägte Persönlichkeit, war Dr. Heinrich Pestalozzi-Bindschedler. Durch ihn ist
ein blühender und starker Stamm unserer Familie auf die zürcherische Landschaft am See
verpflanzt worden.
Karl Heinrich Pestalozzi war der jüngste Sohn des Spitalpfarrers Carl Pestalozzi-Pestalozzi
aus dem Wolkenstein im Lindengarten. Geboren am 24.April 1854, verlor er schon mit
fünfzehn Jahren seinen Vater. Von großem Einfluß auf ihn war die stille, fromme Art seiner
Mutter, die bis ins patriarchalische Alter von fünfundachtzig Jahren einen Mittelpunkt der
Familie bildete. Heinrich Pestalozzi studierte Medizin in Zürich. Er begab sich nach
Vollendung des Studiums zur weiteren Ausbildung nach Wien zu Professor Billroth und
unternahm Studienreisen nach Berlin und Paris. Unter Professor Rose war er chirurgischer
Assistent in Zürich.
Im Jahre 1881 siedelte er nach dem schönen Männedorf am Zürichsee über, um dort die
ärztliche Praxis von Dr. Kündig zu übernehmen. In dieser Gemeinde hat er während mehr als
siebenunddreißig Jahren gewirkt. Hier und in der Umgebung hat er bei Tag und Nacht und
bei jedem Wetter die Häuser besucht, um den Kranken und ihren Familien Rat und Beistand
zu geben. Wie viele sind auch zu ihm gekommen in das Doktorhaus zur Schönau, um Hilfe,
Arznei und Pflege zu finden.
277
Dr. Emil Pestalozzi-Pfyffer:
Vaterland, Luzern, vom 29.11. und 30.11.1929. Neue Zürcher Nachrichten vom 29.11.1929, Nr.324, 327, 328.
Volksvereinsannalen, 1930, Heft I.
278
Stammtafeln 27 und 28