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Als am 19.Januar 1802 der Leiter des Geschäftes Pestalozzi im Thalhof, Johann Jakob
Pestaluz, kinderlos starb, übernahm seine mutige Witwe, Frau Cleophea Pestalozzi geb. von
Orelli (1750-1820) (Stammtafel 19), entschlossen die Leitung der Firma. Diese außerordentlich
weitsichtige und tüchtige Frau stand von da an persönlich dem weitverzweigten Seiden- und
Bankgeschäft vor. Dieser Entschluß war für die damalige Zeit etwas Außerordentliches,
zumal das Wirtschaftsleben im Zeichen der großen politischen Wirren stand. Bürgerkrieg, die
Belagerung der Stadt Zürich durch General Andermatt, die napoleonische Kontinentalsperre
und Krieg lösten einander ab. Während andere Handeishäuser notleidend wurden, verstand
sie es, das Geschäft durchzuhalten und aufzubauen. Mit Weitsicht stellte sie Lehrlinge ein
und bildete sie zu tüchtigen Mitarbeitern heran. So den nachmaligen Geschäftsleiter Johannes
Speerli und ihre beiden Neffen, Hans Conrad und Johann von Orelli. Sie bot ihnen die
Möglichkeit, sich auf weiten Geschäftsreisen auszubilden. Nach fünfzehn Jahren konnte sie
das Geschick des Hauses in ihre Hände legen. Mit Recht bemerkt der Chronist des
Bankhauses Orelli im Thalhof: «Wenn der Thalhof mit dem Jahre 1937 sein
hundertfünfzigjähriges Hausjubiläum feiern darf, so verdankt er dies in hohem Maße dieser
hervorragenden Frau» (vgl. S. 99)
288
.
Um das Bild der Mütter zu zeichnen, darf auch darauf hingewiesen werden, daß viele von
ihnen sich nicht nur um die Erziehung ihrer Kinder, sondern auch um ihre eigene Bildung
bemühten, schon in einer Zeit, als die Ausbildung der Mädchen noch in den Anfängen
steckte. Das letzte Jahrhundert beschert uns neben Tagebüchern auch Jugenderinnerungen
solcher Frauen. Aus den Lebenserinnerungen der Frau Pfarrer Anna Pestalozzi-Pestalozzi
(1822-1907; Stammtafel 26 und 27) haben wir bei der Beschreibung der Bewohner ihres
Geburtshauses, der «Froschau», geschöpft. Als Sittengemälde sei die Beschreibung ihres
ersten Balles (1849) aus den «Erinnerungen aus der Jugendzeit» von Marie Pestalozzi-Stockar
(Stammtafel 27) wiedergegeben
289
:
«Ein frohes und viel besprochenes Ereignis, das ich nicht mit Stillschweigen übergehen
möchte, fällt auch in den Anfang der 50er Jahre, der sogenannte große Muraltenball.
Großmamas zwei älteste Enkel, Heinrich und Robert von Muralt, hatten sich verheiratet
mit Elise Escher aus dem Burghof und Amalie Locher, Tochter des Professor Locher-
Zwingli. Unsere kindliche Phantasie umspann diese zwei ersten Brautpaare in der
Familie mit allen menschlichen Tugenden und Herrlichkeiten. Besonders das jüngere
Paar erschien uns wunderbar schön und interessant, so daß Nani und ich mit und ohne
Puppen nur noch Amalis und Robertis spielen wollten, sie war immer der junge
Ehemann, ich die Frau. Also zu Ehren dieser glücklichen jungen Ehepaare fühlten sich
die Eltern, Onkel Oberst von Muralt und Frau, geborne Stockar, und die Großeltern,
Herr und Frau Bürgermeister von Muralt, veranlaßt, einen sogenannten Hochzeitsball
zu arrangieren, der in allen vier Sälen des Kasinos stattfinden sollte, und wozu die ganze
Verwandtschaft, Alt und Jung, eingeladen wurde. Ich bewahre jetzt noch diese meine
erste von Onkel Muralt selbst geschriebene Balleinladung auf. Auf diesen Abend hin
hatte Großmama, die als große Ausnahme sich selbst ein wenig in die glänzende
Versammlung mischte, einen zweispännigen Wagen bestellt, der unzählige Male von
Stadelhofen ins Kasino und zurückfahren mußte, bis alle 13 Köpfe der Familien
Werdmüller und Stockar hin- und später wieder nach Haus gebracht waren. Vom Fest
                                                
288
Orelli im Thalhof, Festschrift, Zürich 1937.
289
Marie Pestalozzi-Stockar, Erinnerungen aus der Jugendzeit (als Manuskript gedruckt), Zürich 1907.
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