I. - DER AUSGANGSPUNKT CHIAVENNA
Hier beginnt die Geschichte eines weitverzweigten Geschlechts. Wir verlassen den Rahmen
der gewohnten Familiengeschichte, die begrenzt ist durch die Geschlossenheit von Zeit und
Raum. Wir wollen den Versuch wagen, den Schicksalen eines Geschlechts zu folgen, das sich
seit vier Jahrhunderten verbreitet hat in den meisten Ländern Europas. Seine einzelnen
Glieder und Zweige haben sich losgelöst von der ursprünglichen Heimat, abgelöst vom alten
Stamm und eingelebt in anderen Städten und Staaten. Was sie verbindet, ist der gemeinsame
Name, das Wappen und vielleicht eine Lebenshaltung, die sie überall der Herrenklasse
einordnete.
Der Versuch einer solchen Geschichte, die sich über viele Hunderte von Einzelpersonen
erstreckt, wird immer Fragment bleiben, denn es sind eine Unzahl von Dokumenten und
Hinweisen zusammenzusuchen, und nur allzu oft verliert sich die Spur eines der vielen
Glieder im Dunkel. Und es ist dem glücklichen Zufall überlassen, ob die Kunde von ihnen
erhalten geblieben ist. Es ist aber nicht ohne Reiz, den Schicksalen einer solchen Familie zu
folgen, die Auswirkung der geschichtlichen Ereignisse in den Ländern Europas auf eine
Familie von einfachen Kaufleuten oder bescheidenen Edelleuten nachzuzeichnen und dabei
die europäische Historie nicht aus der Vogelschau des Staates oder Staatsmannes, sondern
vom Blickpunkt des einfachen Bürgers aus mitzuerleben. So ist der Versuch gewagt, diese
Großfamilie in Stammtafeln als einem notwendigen Gerippe zusammenzufassen, um in
ihrem Leben, durch Generationen vielleicht, das Gemeinsame, das Europäische zu entdecken.
Der Ausgangspunkt ist die gemeinsame Heimat des Geschlechts, Chiavenna.
Ein Blühendes Handelszentrum
Seit je hatte für Graubünden der Durchgangsverkehr zwischen Deutschland und Italien
größte Bedeutung. Die hauptsächlichsten Verkehrswege mündeten im Süden in Chiavenna.
Auch das schweizerische Seidengewerbe bezog die Rohseide aus dem Mailändischen und
Venezianischen, vorwiegend über den Splügen und Septimer. Chiavenna war ein wichtiges
Handelszentrum am Tor der Alpen geworden.
In den Händen der Familie Pestalozzi in Chiavenna hatte sich seit dem 15.Jahrhundert ein
großer Teil des Handels dieser Stadt vereinigt. In langsamem Aufstieg hatten die Pestalozzi
ihre Handelshäuser aufgebaut, hatten Privilegien und Monopole, Zollrechte und Lagerhäuser
erworben.
Gegen Ende des l6.Jahrhunderts waren die Pestalozzi nicht nur das einflußreichste, sondern
auch das zahlreichste Geschlecht der Stadt. Wie schon 1512 der Entschluß der Familie dazu
geführt hatte, daß die Stadt sich den Bündnern übergab, so waren ihre Glieder maßgebend in
allen Fragen des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens dieser
bedeutenden Stadt. Das Geschlecht umfaßte damals gegen fünfzig Familien und war in
weiterem Wachstum begriffen. Bald bot die Ortschaft nicht mehr genügend Raum für das
standesgemäße Auskommen eines so großen Geschlechts, dessen Glieder alle eine gehobene
Tätigkeit und entsprechenden Lebensstil pflegten. Das lebendigste Zeugnis dieses Stiles ist
das prachtvolle Zimmer aus dem Palazzo Pestalozzi in Chiavenna im Landesmuseum in
Zürich. Giovanni Antonio Pestalozza (?
1615) hatte es 1585 bauen lassen. Zwischen den
reichen Intarsien im kunstvollen Holztäfer steht über der Türe der schöne Spruch: «Coniugali