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Die Ghibellinen sollen sich so stark gefühlt haben, daß sie sogar auf Eroberung sannen. Es
soll im Jahre 1292 gewesen sein. Zusammen mit ihren Parteifreunden aus der Umgebung und
unterstützt durch Pietro Quadrio, den Führer der Ghibellinen aus dem Veltlin, und seine
Schar Bewaffnete, wollten sie das Nachbarstädtchen Dongo erobern, wo sich die Guelfen
hatten halten können. Die unternehmungslustigen Gravedonesen waren aber von schwerem
Mißgeschick verfolgt. Rechtzeitig hatten die Guelfen in Dongo von ihrem Plan erfahren, sie
riefen die Vitani, die gerade damals in Como die Herrschaft an sich gerissen hatten. Diese
schickten Waffen und zwölf Ritter, die noch rechtzeitig in der Nacht vor dem geplanten
Angriff zu Schiff in Dongo landeten. Statt den Feind überraschen zu können, sahen sich die
Gravedonesen einer Übermacht gegenüber und wurden zurückgeschlagen. Die Guelfen
nützten ihren Sieg aus und verfolgten ihre Feinde bis nach Gravedona hinein. Alle ihre
Parteigenossen aus den Tre Pievi und aus Sorico stießen zu ihnen, um die Hochburg der
Ghibellinen in Gravedona erobern zu helfen. Diese mußten sich in ihren Häusern verteidigen.
Ihre Führer, so die Stampa, Mazzagallini, Sergregori, Curti und andere, leisteten einige Tage
Widerstand. Als aber die Zahl der Feinde immer mehr anwuchs, sei ihnen nichts anderes
übrig geblieben, als ihr Heil in der Flucht zu suchen und ins Exil zu wandern.
Der größte italienische Geist jener Epoche, Dante, hat das grausame Schicksal des vertrie-
benen Parteikämpfers, des heimatlosen Ghibellinen, in seinen unsterblichen Versen
besungen. Er gehörte der gleichen Generation und der gleichen Partei an. Im 17. Gesang des
Paradiso legt er seinem Ahnherrn die Worte in den Mund:
Verlassen wirst du alles, was dir wert
und du am meisten liebst. Der erste Schuß
ist‘s, der aus der Verbannung Waffe fährt.
Empfinden wirst du salzig den Genuß
des Brots der Fremde, hart den Weg,
Wenn man auf fremden Stiegen steigen muß.
Die neuere Forschung bezweifelt allerdings, ob es zu einem solch vollständigen Auszug aller
Ghibellinen gekommen sei; denn noch in den folgenden Jahrzehnten sind ganze Zweige der
vormals ghibellinischen, angeblich ausgewanderten Geschlechter in Gravedona
nachgewiesen
13
. Auch ein Pestalozza, Andrinus, der Sohn des Guilhelmus, tritt noch 1333 in
Gravedona auf, zu einer Zeit, als die andern Glieder der Familie schon in Chiavenna
niedergelassen waren
14
.
Der Verkehr zwischen Gravedona und Chiavenna, die beide an der alten Römerstraße vom
Comersee über die Alpen lagen, war damals sehr rege. Viele Familien, Geschäftsleute,
Beamte und Notare aus Gravedona haben sich um jene Zeit vorübergehend oder länger in
Chiavenna aufgehalten
15
.
Die Parteikämpfe zwischen Guelfen und Ghibellinen sind daher nicht der einzige - vielleicht
nicht einmal der wichtigste -
Grund für die dauernde Übersiedlung der Pestalozzi nach
Chiavenna gewesen. Weil sie als Alppächter auf dem Gebiet der Gemeinde Chiavenna große
wirtschaftliche Interessen hatten, lag die Verlegung ihres Wohnsitzes nach diesem
Verkehrsflecken am Fuße der Berge auf der Hand.
                                                
13
Zecchinelli, a.a.O., S. 79
14
Urkunde vom 4.12.1333, Archivio di Stato Milano, F.R. Cart. 127. Regest bei Zecchinelli, a.a.O., S. 162
15
Zecchinelli, a.a.O., S.79 f.
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