Auffallend ist auch der immer wieder vorkommende Wechsel der Konfession in einem und
demselben Haus. Es sei daher versucht, am Beispiel der Großfamilie der Pestalozzi in
Chiavenna während der Zeit der Reformation und Gegenreformation die konfessionelle
Gliederung nachzuweisen. Allerdings muß gleich auf die Schwierigkeit hingewiesen werden,
die einzelnen Personen einer Konfession zuzuteilen. Kirchenbücher sind seit den blutigen
Ereignissen von 1620 naturgemäß nur noch in der katholischen Kirche erhalten, und auch
diese erst ab 1603. So mußte denn für jede einzelne Person auf verstreute und zufällige
Hinweise abgestellt werden. Trotzdem dürfte die so erreichte Darstellung den tatsächlichen
Verhältnissen entsprechen; ergibt sich doch, daß etwa ein Drittel der Familie evangelisch,
zwei Drittel der Familie katholisch waren, was der prozentualen Verteilung der ganzen
Bevölkerung Chiavennas entspricht.
329
A. Evangelische
I.
Aus dem Stamme des Paulus (1407), der sich in zahlreiche Linien geteilt hatte, lassen sich
die folgenden Personen als Angehörige des neuen Glaubens nachweisen.
1. Nachkommen des Notars Paulus, dessen Enkel der Zürcher Stammvater war
(Stammtafel 3):
Vincenzo Pestalozza und seine Gattin Anastasia Cazzola ließen ihre Kinder in Chur
(1612) und im Großmünster in Zürich (1620) reformiert taufen.
330
Daniel Pestalozza, ein Neffe des Zürcher Stammvaters, und seine Gattin Cornelia von
Salis, die noch 1617 in Chiavenna ein schönes Portal hatten bauen lassen, lebten 1622
bis 1627 als Religionsflüchtlinge in Zürich. Ihre Kinder blieben dem evangelischen
Glauben treu. Drei waren im Großmünster zu Zürich getauft worden. Der Sohn
Daniel (getauft in Zürich 1623) erhielt später die Bundesrechte der Drei Bünde
331
,
während der jüngere, Gubertus, noch im Jahre 1690 ein Legat zugunsten der
evangelischen Kirche von Chiavenna aussetzte.
332
An der alten Kirche von Castasegna
erinnert eine Grabtafel an ihn.
2. und 3. Aus den Linien des Lucas und des «Zanete» sind mir keine evangelische Glieder
bekannt.
4. Aus der Linie der Pestalozzi-Riccioni (Stammtafel 6) ist ein einziger einwandfrei als
Freund des neuen Glaubens bezeigt, nämlich jener Fabricius, der 1579 nach Krakau
gezogen und dort Bürger geworden ist. Im Jahre vor seiner Auswanderung hat er der
evangelischen Kirche eine Grundschuld vermacht
333
.
5. Aus der Linie der Pestalozzi-Porrettini (Stammtafel 7) gehören der wohlhabende Carlo
Pestalozzi und seine Gattin Lidia Peverelli-Ferlini wie auch sein Sohn Carlo Pestalozzi
de Porretin, der sich 1601 in Lyon niederließ, zur evangelischen Gemeinde.
Die andern Kinder des Ehepaars Pestalozzi-Peverelli wie auch die Brüder waren
329
Emil Camenisch, Geschichte der Reformation und Gegenreformation in den italienischen Südtälern
Graubündens, Chur 1950, S.30.
330
Stadtarchiv Chur, Taufbuch St. Martin. Stadtarchiv Zürich, Taufbuch Großmünster.
331
Staatsarchiv Graubünden, Chur, Bundestagsprotokolle, Bd. 29, S.330 (29.6.1657).
332
Libro Mastro della Chiesa Evangelica di Chiavenna (1680-1761), im Besitz Theophil v. Salis, Rüschlikon
(1945), S.44. Ebenda, S.23.
333
Familienarchiv Zürich, I B 8 (Schiedsgerichtsurteil vom 29.11.1601).