Verbindung. Mailand antwortete auf diese versteckte Androhung einer wirtschaftlichen
Konkurrenz mit der Androhung von Gewalt. Im Jahre 1603 ließ der spanische Gouverneur
von Mailand, Graf Alzevedo de Fuentes, kurzerhand eine Festung an der Bündner Grenze
erbauen. An dem Punkte, wo das Veltlin und die Grafschaft Chiavenna am Comersee sich
berührten, reichte ein kleiner mailändischer Zipfel dazwischen mit dem Hügel Montecchio,
der den Endpunkt der breiten Talsohle des Veltlins markiert. Die Proteste der Bündner
fruchteten nicht, auch nicht die Berufung auf eine Vereinbarung mit dem früheren Mailänder
Herzog Francesco II. Sforza, dem vorsorglicherweise die Verpflichtung auferlegt worden
war, an jener Stelle niemals eine Befestigung zu errichten
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So sahen die Chiavennaten an ihrer Grenze eine Festung entstehen, die im Jahr 1607
vollendet und mit einer Besatzung, Kanonen und Schiffen auf dem Comersee belegt war. Ein
Wahrzeichen der Spanier für ihre Absicht, Veltlin und Chiavenna den Bündnern wieder zu
entreißen. Jetzt wurden sich die Chiavennaten bewußt, daß sich dort eine Grenze erhob, wo
bisher seit Jahrhunderten der Handelsverkehr und der Marktweg, die Pulsader ihrer
Wirtschaft, hindurchgegangen war, und daß durch das Machtwort des Spaniers von einer
Stunde auf die andere der Seeverkehr nach Como gesperrt werden konnte. Das geschah auch
1618, als der Gouverneur von Mailand, Don Pietro de Toledo, den Handelsverkehr auf dem
Comersee kurzweg sperrte.
Die Folgen dieses Krieges, der zunächst nur als Wirtschaftskrieg geführt wurde, blieben nicht
aus. Die Schweizer und Bündner sahen sich für den Nord-Süd-Handel mehr und mehr auf
das Gebiet von Venedig angewiesen. Dieses war den Kaufleuten von Chiavenna fremd; ihr
Verkehr war auf den Seeweg nach Como eingestellt. Der Handel Chiavennas ging rapid
zurück. Das war ein Grund mehr für die paar bedeutenden Großkaufleute der Familie
Pestalozzi, das Gewicht ihrer Betätigung mehr und mehr in die auswärtigen Niederlassungen
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Verona, Wien, Lyon -
zu verlegen. Auswärts wohnende Pestalozzi verzichteten darauf, in
ihre alte Heimat zurückzukehren, abgeschreckt von den Schwierigkeiten einer mitten im
Wirtschaftskrieg stehenden Stadt.
Die Bevölkerung Chiavennas aber, die Spediteure, Fuhrleute, Gewerbetreibenden, litten
unter dem Rückgang des großen Handelsverkehrs ihrer Stadt. Und sie betrachteten die
Festung des Grafen Fuentes als Symbol der Ursache ihres Unglücks.
Die Festung auf dem Montecchio erhielt den Namen ihres energischen und stolzen Erbauers,
die «Festung Fuentes». In den nachfolgenden kriegerischen Wirren sollte sie auch für die
Familie Pestalozzi von großer Bedeutung werden. Nicht nur, daß die in Chiavenna
verbliebenen Familien von der Störung und vom Schwund des Wirtschaftsverkehrs mit dem
Mailändischen betroffen wurden. Mehr als ein Angehöriger des Geschlechtes Pestalozzi
wurde auch auf diese Festung verschleppt und in den tiefen Kerker geworfen.
Nur ein einziger Zweig, die Familie Pestalozzi in Zürich, konnte aus diesen Verhältnissen
Nutzen ziehen. Auch Zürich hatte (1608) mit Venedig einen Handelsvertrag abgeschlossen.
Die Zürcher Pestalozzi gehörten zu den ganz wenigen Häusern, die Handelsprivilegien in
Bergamo erhalten hatten. Wenn sie ihre Handelsware auf schmalem Saumpfad dem
Berghang entlang, etwas weiter als auf Flintenschußweite, an der Festung vorbei aus dem
Veltlin in Clevner Gebiet durchgeschleust hatten, dann war die einzige Klippe auf dem
Handelsweg von venezianisch Bergamo nach Zürich umgangen; dann konnten sie in der
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Ebenda, S. 273.