Navigation bar
  Home Print document Start Previous page
 250 of 407 
Next page End 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255  

industriellen Verarbeitung und im Verkauf ihrer Seide den Gewinn ziehen, den eine
privilegierte Stellung oder ein Handelsmonopol verspricht.
In Chiavenna aber mehrten sich die Zeichen des Sturmes.
Mit der steigenden außenpolitischen und wirtschaftspolitischen Spannung erhitzten sich in
Graubünden auch die Auseinandersetzungen der Parteien. Es kam zu den «Strafgerichten»,
in denen nicht selten die politische Mehrheit über die Minderheit zu Gericht saß. Vor das
Strafgericht in Thusis wurden vor allem diejenigen gezogen, die geheimen Einverständnisses
mit den Spaniern verdächtigt wurden. Der Tod des Erzpriesters von Sondrio, Nicolo Rusca,
der von diesem Gericht die schwerste Folter erlitten hatte, verursachte in den
Untertanenländern Veltlin und Chiavenna ungeheure Erregung. Von den Pestalozzi wurde
der wohlhabendste, Paolo Pestalozza de Luna (? 1621), in den Strudel dieses
Ausnahmegerichtes gezogen. Der Angriff galt weniger seiner Person als seinem Vermögen,
da er mit dem Hauptangeklagten, dem Führer der Partei der Pianta, Rudolf Pianta, in
Geschäftsverkehr gestanden und wohl einen Teil des Plantaschen Vermögens als Bankier
verwaltet hatte. Zunächst wurde nur sein Schreiber, Giovan Giorgio Selder, verhaftet, unter
der Anklage, ein Spion Plantas gewesen zu sein. Die Verhaftung führte in Chiavenna zu
einem Auflauf, der vom Kommissar, dem besonnenen Staatsmann Fortunat Sprecher, mit
Mühe beruhigt werden konnte
340
. Das unter der Folter von dem Angestellten Selder erpreßte
Geständnis gab dem Strafgericht den Vorwand, Paolo Pestalozza zur Zahlung einer hohen
Summe, die der Konfiskation seines Vermögens gleichkam, zu verurteilen. Über seine
weiteren Schicksale und seine spätere Rehabilitation soll im Zusammenhang mit den Wiener
Pestalozzi berichtet werden. Damit war das Jahr herangekommen, in dem in Europa der
große Dreißigjährige Krieg begann. Und schon wurden die Pestalozzi immer mehr
hineingezogen in einen der Wirbel jenes Orkans, der über weite Teile des Kontinents
hinwegfegte und die hohe bürgerliche Kultur der Renaissance zerstörte. Immer deutlicher
zeigte sich, daß die Südtäler Bündens zu einem der Brennpunkte des verzehrenden Feuers
dieses Krieges werden sollten.
Die ahnungsvollen Gemüter wurden noch durch ein anderes Ereignis zutiefst erschüttert. In
der Nacht des 25.August 1618 (nach dem Gregorianischen Kalender am 4.September), es war
eine Vollmondnacht, wurden die Chiavennaten plötzlich durch ein furchtbares Donnern
aufgeschreckt, «wie wenn viele Kanonen zugleich losgingen» oder wie wenn die Berge
einstürzten. Was noch viel unheimlicher war, war nachher die plötzliche Stille. Der Fluß
Mera, der seit ewigen Zeiten wie ein Bergbach durch Chiavenna gerauscht war, schwieg
plötzlich, da seine Wasser versiegten. Bei Tagesgrauen zeigte sich, was geschehen war. Der
Bergsturz des Monte Conto hatte das kleine Nachbarstädtchen Flurs (Piuro), nur vier
Kilometer von Chiavenna, vollständig zerstört und die etwa tausend Einwohner unter sich
begraben. Es war eine hübsche Ortschaft gewesen voll blühenden Lebens, mit zahlreichen
wohlhabenden Einwohnern und entsprechenden Palazzi. Alles war zerstört, ausgelöscht,
begraben. Nur ein einziges Haus, der abseits stehende Palazzo Vertemate, war übrig
geblieben. Die plötzliche Zerstörung einer ganzen Stadt machte auf die Nachbarn tiefen
Eindruck. Auch die Familie Pestalozzi wurde ergriffen, waren doch unter den vornehmen
Familien von Plurs zahlreiche Verwandte und Verschwägerte umgekommen, so von den
Vertemati, den Mora di Falconello, den Brocchi, den Butintrochi. Nur wer sich von diesen
                                                
340
Ebenda, S. 273. Fort.Sprecher von Bernegg, Geschichte der Bündnerischen Kriege und Unruhen,
herausgegeben C.v.Mohr, Chur 1856, Bd.I, S. 74 und 93.
Previous page Top Next page