zufällig im Ausland befand, überlebte. Der blühende Seidenhandel, der den Reichtum des
Städtchens Plurs begründet hatte, wurde von den Geschäftsleuten Chiavennas, auch den
Pestalozzi, übernommen. Sie vergrößerten ihre Tätigkeit auf diesem Gebiete erheblich.
Der Untergang von Plurs beunruhigte das Volk von Chiavenna, und mancher suchte nach
einer tieferen Ursache, nach dem Grunde eines solchen Gottesgerichtes über ein ganzes Volk.
Der katholische Klerus versäumte nicht, darauf hinzuweisen, daß in Plurs besonders viele
Evangelische gelebt hatten. Der Geistliche Don Carlo Pestalozza, Kanonikus zu San Lorenzo,
verfaßte eine lateinische Beschreibung der Zerstörung von Plurs. Diese Schrift ist verloren
gegangen, wir könnten sonst zweifellos daraus entnehmen, daß dieser eifrige Kanzelredner
seinen Mitbürgern an diesem schrecklichen Exempel das nahende Gottesgericht vor Augen
stellte
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.
Die katastrophe
Das Unheil, auf das die europäischen Umstände und die politischen Verhältnisse im
Bündnerland zusteuerten, brach nur zwei Jahre nach diesen Ereignissen, in der Nacht des
18.Juli 1620, aus. Die Verschwörung der katholischen Freunde Spaniens führte mit
ungeheurer Erbitterung und blutgierigem Fanatismus die Austilgung aller Evangelischen im
Veltlin und die Vertreibung der Bündner durch. Der Revolution folgte auf der Spur der
Einmarsch der Spanier. Dieser Aufstand kostete sechshundert Evangelischen das Leben; er ist
in die Geschichte eingegangen, ein Gegenstück zur Pariser Bartholomäusnacht, als
«Veltlinermord» oder «Sacro Macello» (Heilige Metzelei). Beinahe wäre die Veitliner
Verschwörung verraten worden. Jedenfalls befürchtete man bei der erhitzten Spannung
Unruhen oder Angriffe der Spanier. In Chiavenna wurde daher in jenen Tagen kurz vor dem
Ausbruch des Veltlinermordes in jedem Haus der Zustand der Waffen geprüft, um
nötigenfalls eine Verteidigung improvisieren zu können. Dabei kam der mit dieser Aufgabe
betraute Funktionär Ferdinando Pestalozza (Stammtafel 9), Hauptmann der Clevner Miliz und
Anhänger der katholisch-spanischen Partei, auch in das Haus des alten Francesco Pestalozza
aus der Linie de Luna, dort ließ er vor zwei evangelisch gesinnten Damen die unbedachten
Worte fallen: «Ich glaube, sie wollen euch Evangelische umbringen.» Die beiden Damen
waren Donna Chiara Pelizzari, die Frau des Francesco Pestalozza de Luna, und Frau
Elisabeth Sprecher geb. Sebregondi, die Frau des Kommissars und Geschichtsschreibers
Fortunat Sprecher. Da Ferdinando Pestalozza aber als Schwätzer bekannt war, wurde seiner
Andeutung keine Beachtung geschenkt
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.
Chiavenna blieb fürs erste von diesen Ereignissen verschont. Es war zum guten Teil der
staatsmännischen Klugheit und Beliebtheit des regierenden Kommissars, Fortunat Sprecher,
zu verdanken, daß die Bevölkerung zu den Bündnern hielt und die Verschwörung hier nicht
Fuß fassen konnte.
Aber schon bei dem ersten Ausbruch der Wirren, beim Veltlinermord, verlor auch die Familie
Pestalozzi ein Opfer. Sara Pestalozza, die sich bei Faustina von Salis, der Ehefrau des Filippo
Luivi, zu Caiolo im Veltlin aufhielt, wurde am zweiten Tag des Aufstandes, am 21.Juli, mit
ihrer Gastgeberin und deren Kindern von der fanatischen Menge ermordet
343
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Crollalanza, a.a.O., S. 255. F. Pieth, Bündner Geschichte, Chur 1945, S. 20l. J. Andr. v. Sprecher, Geschichte
der Republik der Drei Bünde im 18.Jahrhundert, Chur 1874, Bd.2, S. 176
342
Crollalanza, a.a.O., S.282. Fort. Sprecher, a.a.O., Bd. I, S. 140.
343
Fort. Sprecher, a.a.O., Bd.I, S.152.