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Die lehen des Bischofs und die Gesellschaft des teufels
Der wichtigste Lehensherr des Tessins und des Veltlins war der Bischof von Como. Seine
Lehen waren gesucht und gaben dem Lehensträger Ansehen. Als geistliche Lehen boten sie
auch Gewähr für Beständigkeit und waren praktisch wie erbliches Eigentum.
Im Jahre 1420 erwarb Ser Baldassar de Pestalotiis von der Familie de Piro in Como solch
bischöfliche Lehen. Es handelte sich um Güter und Rechtsame in der Gegend von Samolaco.
Es ist das Summuslacus der alten Römer, 7 km südlich von Chiavenna. Bis dorthin hatte im
Altertum der Comersee gereicht. Als Schwemmgebiet war es eine fruchtbare Ebene. Es waren
umfangreiche Güter und Zehntenrechte, zu denen auch die - damals bereits zerfallene - Burg
Sant Andrea bei Era, südlich Samolago, gehörte. Ser Baldassare Pestalozza zahlte an Bernardo
de Piro 50 fiorini für seinen Anteil. Am 27.März 1421 erhielt Balthasar Pestalozza die
feierliche Investitur durch den Bischof. Das Lehen wurde 1448 für ihn und seinen Sohn
Guglielmo erneuert
22
.
Doch solche Güter bleiben nicht ohne Neider. Auch Balthasar Pestalozza konnte sich nicht
unangefochten seines Lehensbesitzes erfreuen. Etwa zwölf Jahre nachdem er das bischöfliche
Lehen erhalten hatte, tauchte in der Gegend das Gerücht auf, Balthasar Pestalozza, der freien
Künste Magister - so lautete sein akademischer Titel -‚ sei der Kirche abtrünnig und habe sich
der Hexerei schuldig gemacht. Dieses Gerede durfte nicht auf die leichte Schulter genommen
werden. Der Aberglaube war mächtig, und vor allem: wer eines solchen Vergehens gegen die
Kirche wirklich schuldig war, dem mußten die geistlichen Lehen weggenommen werden.
Die Sache war aber nicht greifbar, und auch dem kirchlichen Inquisitor Fra Ubertino von
Vercelli gelang die Abklärung nicht. Es nützte dem Verleumdeten auch nicht viel, daß ihm
einige Jahre später der Podestat und zwölf Männer aus allen Orten des Giacomotales
bezeugten, das Gerücht, er stehe mit dem Teufel im Bund, sei unwahr. So blieb der für
Balthasar Pestalozza höchst unangenehme Schwebezustand unfaßbarer Gerüchte und
heimlichen Verdachts während Jahrzehnten bestehen.
Erst im Sommer 1456 - Balthasar Pestalozza war schon ein hochbetagter Mann - nahm diese
Geschichte eine sehr ernste Wendung. Ende Mai dieses Jahres war in Chiavenna ein hoher
Geistlicher eingezogen, Magister Petrus de Cormelli aus Novara, ein Angehöriger des
Predigerordens, Professor und Generalvikar der Diözese Como, der Inquisitor der
Lombardei. Dieser leitete ein kirchliches Säuberungsverfahren ein im ganzen Gebiet von
Chiavenna. Durch ein Edikt erließ er in allen Kirchen die öffentliche Aufforderung, daß jeder,
der von irgendeiner Gottlosigkeit irgend etwas wisse, dies jetzt anzeigen müsse unter der
Androhung von Strafe und Exkommunikation für alle, die die Gottlosen nicht anzeigten
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.
Wir würden der Schwere und der Grausamkeit dieses Inquisitionsverfahrens verständnislos
gegenüberstehen, wenn es nicht gerade unserer Zeit vorbehalten geblieben wäre, uns solche
«Säuberungsverfahren» wieder vor Augen zu führen. Wenn wir das Protokoll jenes
kirchlichen Inquisitionsprozesses lesen, werden wir unwillkürlich an ähnliche Vorgänge der
jüngsten Zeit jenseits des Eisernen Vorhanges erinnert.
                                                
22
Archivio Vescovile Como, Investiture Feudali, Bd.III, Bl. 213f (Samolago). Pietro Buzzetti, Torri e Castelli
della Rezia Chiavennasca, Como 1919 (S. 34).
23
Archivio di Stato Sondrio, Fondo Notarile, Notaio Nasali Giovanni fu Bernardo (1454-1456), Bd. 259,
Protokoll vom 5.6.1456.
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