Die militärischen Aktionen begannen mit der Verstärkung der in Chiavenna liegenden
bündnerischen Besatzung unter Oberst Baptista von Salis. Bei diesen Truppen befand sich
außer dem Hauptmann Pestalozzi auch sein Schwager Ulysses von Salis (1595-1674), der
spätere Marschall, der uns in seinen Denkwürdigkeiten eine anschauliche Schilderung der
Ereignisse jener Tage hinterlassen hat
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Gegen Chiavenna richtete sich zunächst der Hauptangriff der Spanier, welche im oberen
Veltlin durch einen Einfall der Österreicher strategisch entlastet worden waren. Von Süden
her führte der Herzog von Feria seine spanischen Fahnen heran. Geschütze und Reiterei in
großer Zahl wirbelten den Staub auf den Straßen des Meratals auf. Es war der 29.Oktober des
Jahres 1621. Südlich von Chiavenna hatten die Bündner ihre Befestigungen besetzt. Schweren
Herzens stand wohl der Hauptmann Pestalozzi auf seinem Posten, hatte er doch seine
achtzehnjährige Gattin nach Soglio verbringen müssen, wo sie ihrer zweiten Entbindung
entgegensah.
Am nächsten Morgen griffen die Spanier an. Gleich zu Anfang hatten die einheimischen
(meist spanisch gesinnten) Milizen ihre Stellungen verlassen, so daß die spanischen Söldner
in die Linie einbrechen konnten. Sie trieben auch die standhafteren Bündner in die Flucht
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Folgen wir Ulysses von Salis:
«Einmal entschlossen, die Tranchée zu verlassen, suchte von unseren Leuten beim
Rückzug jeder der erste zu sein. Wir gingen in die Stadt zurück, wobei ich im
Vorbeigehen in meiner Wohnung das wenige Geld zu mir steckte, das ich besaß. Auf
dem Marktplatz ließ sich von der Miliz, welche dorthin beordert war, niemand mehr
blicken, wohl aber trafen wir dort ihren Hauptmann, Ferdinand Pestalozza, und andere
katholische Edelleute, aber nicht mehr gewaffnet, sondern lediglich mit Galanteriedegen
angetan und in Kleidern, als wären sie zu einer Hochzeit geladen. Sie begannen mir
große Komplimente zu machen, wahrscheinlich in der Absicht, mich aufzuhalten, bis die
Kavallerie käme. Ich gab jedoch meinem Pferde die Sporen, ritt nach Oltremera hinüber
und von da auf die Grotten von San Giovanni zu. Auf der Landstraße traf ich den armen
Karl Stampa, der kaum gehen konnte, weshalb ich ihn hinter mich aufs Pferd nahm und
bis Castasegna brachte. Kaum waren wir übrigens am Hause Giov. Ant. Frelinos vorbei,
als Trompetenstöße in der Stadt das Einrücken des Feindes uns anzeigten.
Einige, die sich verspätet hatten, wurden noch in der Stadt umgebracht oder gefangen
genommen. Die armen Evangelischen zogen mit Weib und Kindern teils dem Bergell zu,
teils durch das St. Jakobstal nach Splügen. Sie wurden nicht verfolgt. Es war schrecklich,
den Jammer der Armen zu hören. Zu Santa Croce machte ich halt. Hier stießen einige
unserer Soldaten zu mir, dann wieder andere, so daß ich noch an dem nämlichen Abend
fünfundzwanzig Mann um mich hatte. Ich blieb zwei Stunden dort, um den
Flüchtlingen zur Rettung behülflich zu sein, und erst als niemand mehr erschien, ritt ich
nach Soglio, um für die Entfernung meiner Schwester Claudia über das Gebirge zu
sorgen. Es war eine allgemeine Auswanderung, und selbst die ärmsten Leute verließen
Haus und Hof, mit sich schleppend, was sie nur zu tragen vermochten. Obgleich meine
Schwester, zwei Tage vorher mit ihrem Sohne Hercules niedergekommen, sich gar nicht
wohl fühlte, entschlossen wir uns, nämlich ihr Gemahl, der Hauptmann Johann Anton
Pestalozza, und ich, dennoch, jene samt ihrem Kinde und meines Schwagers Mutter am
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Salis, Denkwürdigkeiten, S. 129-132.