folgenden Morgen nach Casaccia zu führen. Diese gute alte Frau und ihr Sohn mußten
den Weg zu Fuß machen, da die Pferde dazu verwendet wurden, das wertvollste
Hausgerät uns nachzuschleppen. Anderes wurde von meinen Soldaten getragen. Mit
Gottes Hilfe brachte ich meine Schwester, wenn auch mehr tot als lebendig, glücklich
nach Casaccia, und zwar, eines furchtbaren Sturmes mit Wind und Schnee halber, erst
um zwei Uhr nachts. Es war ein schreckliches, zu Tränen rührendes Schauspiel,
weinende Kinder, alte Frauen, seufzend und am Wege liegend, andere mit fliegenden
Haaren, ihre Kleinen auf den Armen und selbst auf den Schultern, so daß sie sich kaum
zu bewegen vermochten, und zu alledem noch ein förmlicher Aufruhr der Elemente.
Um besser vorwärts zu kommen, warfen endlich manche alles weg, was sie an Geräten
bei sich trugen. Mit Ausnahme einiger alter Frauen und Kinder, welche vor Kälte
starben, langte der Rest zuletzt wohlbehalten um Mitternacht in Casaccia an. Aber schon
um drei Uhr vor Tag hörte man einige Flintenschüsse seitens der zu Vicosoprano
zurückgebliebenen Bauern, welche ein halbes Dutzend meiner Leute für feindliche
Soldaten hielten. Groß war der Schrecken. Jeder stürzte aus dem Hause und klomm, so
gut die Dunkelheit und das schlechte Wetter es erlaubte, die Berghöhen hinan. Als es
Tag wurde, ließ ich meine Schwester Claudia und deren Schwieger den übrigen zu
Pferde folgen. Das Wetter begann sich aufzuheitern, aber manche trafen wir tot am
Wege, andere in Agonie. All dieses Elend war ein Anblick, um Felsen zu rühren. Endlich
gefiel es Gott, uns um Mittag nach Stalla (heute Bivio) zu führen. Hier ließ ich meine
Schwester den Rest des Tages samt der folgenden Nacht zurück, damit sie wieder einige
Kräfte zu schöpfen vermöchte. Auch erachtete ich die Gefahr entfernt genug, um
weiterzuziehen, meine Leute zu beurlauben und, nachdem ein Gerücht mich bereits
totgesagt hatte, meiner Frau persönlich die Kunde meines Wohlbefindens zu
überbringen....
Nach seinem Einzug in Cleven ließ der Herzog von Feria die Häuser der Evangelischen
plündern, den Wein in den Grotten wegtrinken und sandte dann am dritten Tag den
Grafen Serbelloni mit der Hälfte des Fußvolkes und einiger Reiterei in das Bergell, wo
alle Dörfer, zumal Soglio, ausgeraubt und einige betagte Personen, ohne Unterschied des
Geschlechts, sowie auch mehrere arme, zurückgelassene Kinder ermordet wurden.....»
So ging Chiavenna einstweilen den Bündnern verloren. Und unter diesen Umständen
verbrachte Johann Anton Pestalozza seine Familie, d. h. seine Frau, seine Mutter und seine
zwei kleinen Söhne, nach Chur, wo er schon vorher gute Verbindungen hatte.
Der Krieg aber zog das ganze Bündnerland in Mitleidenschaft. Nur als Offizier konnte sich
ein junger Mann zur Geltung bringen. Johann Anton Pestalozza blieb bei der Fahne. Die Stadt
Chur wird von den Österreichern eingenommen, befreit, wieder belagert. Pestalozza nimmt
am Aufstand teil, der zur Gefangennahme der Österreicher und zur abermaligen Befreiung
der Stadt führt
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. Man paktiert über den Abmarsch der Kaiserlichen. Ihr Oberbefehlshaber
Baldiron läßt sich am l6.Juni 1622 zum Abzug bewegen, aber er wünscht drei Geiseln,
Verwandte hochgestellter Bündner. Darunter auch Johann Anton Pestalozza. Diese Offiziere
begleiten ihn zu seiner persönlichen Sicherheit bis nach Cleven. Das war auch nötig, denn als
sie von Chur wegzogen, mußten sie zwischen den Reihen der Prättigauer hindurch, die am
Wege standen mit ihren blutgetränkten Prügeln, welche ihnen zur Freiheit verholfen hatten;
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Salis, Denkwürdigkeiten, S. 154. -
Fort. Sprecher v. Bernegg, J.U.D., Geschichte der Bündner Kriege und
Unruhen, hg. von C. v. Mohr, Chur 1857, Bd. I, S. 375.