Der dritte Sohn des Bürgermeisters trug den Namen seines Vaters, Hercules. Er wurde
Hauptmann, widmete sich dann aber ganz dem Staatsdienst. Sechs Jahre lang war er Podestà
im Veltlin, zuerst 1763 bis 1765 zu Traona, dann 1771 bis 1773 zu Teglio. Dann wurde er
Bundesschreiber des Gotteshausbundes. Dieses Amt setzte gewisse politische Fähigkeiten
voraus, da es neben der Präsidentschaft das einzige ständige Bundesamt war. 1783 war er
auch Oberstzunftmeister. Er nahm am politischen Leben den lebhaftesten Anteil und stand in
den Jahren vor der Revolution an der Spitze einer Parteigruppe
457
.
Auch der vierte Sohn des Bürgermeisters, Ulrich von Pestalozza (
a 1751), hatte sich seine
weitere Ausbildung in fremden Diensten geholt. Am 20.Mai 1766 war er als Fähnrich in das
erste Bataillon des Bündnerregiments Schmid eingetreten. Mit zwanzig Jahren (9.Juni 1771)
wurde er Unterleutnant, 1773 (30.Juli) erhielt er das Leutnantsbrevet (zuerst supernumerär,
dann 1775 gewöhnlicher Leutnant). Während seiner Dienstzeit lernte er die Garnisonen
Maastricht (1768-70 und 1773-78), Namen (1771) und Veere (1772) kennen
458
. 1778 kehrte er in
die Heimat zurück und wurde im folgenden Jahr Zunftmeister, sechs Jahre später
Oberstzunftmeister. Er war vermählt mit Judith von Cleric aus der bekannten Churer
Bürgermeistersfamilie. Sein ältestes Kind war im Alter von fünf Jahren gestorben als ein
«über sein Alter artiges Töchterlein»
459
. Er hatte noch zwei Kinder im Alter von acht und fünf
Jahren, als er, erst neununddreißigjährig, im Duell ums Leben kam. Auf der Straße nach
Maladers ob Chur wurde er aufgefunden, von einem Degen durchbohrt. Sein Gegner,
Hauptmann Baithasar von Saluz, entfloh
460
. Anlaß zu diesem Duell soll eine spöttische
Bemerkung gegeben haben, die Saluz dem im stürmischen Regen triefend daherkommenden
Pestalozzi aus seinem Hause zugerufen hatte. Die Frage, «warum er eigentlich keinen
Regenschirm aufspanne», mit der auf ein neu erfundenes aber für einen Offizier unpassendes
Requisit angespielt wurde, soll der Anfang von Verärgerung und Zweikampf gewesen
sein
461
.
Der jüngste Sohn des Bürgermeisters, Otto von Pestalozza, widmete sich dem Richteramte. Er
wurde Präfektrichter, wie schon sein Vater gewesen war. Dann wurde er auch Zunftmeister
und Ratsherr. Er starb unvermählt am 1.Juni 1837.
Die letzten Pestalozzi in Chur
Seit dem letzten Dezennium des l8.Jahrhunderts hatten die Churer Pestalozza ihren Namen
in Pestalozzi verwandelt. Während vorher vorwiegend die Formen von oder a Pestalozza,
Junker oder Herr Pestaluz vorkamen und die Schreibweise Pestalutzin oder Pestalozzi nur
für Frauen angewendet wurde, so schrieb man jetzt fast durchgängig «von Pestalozzi».
Vielleicht ist dies auf eine Angleichung an den Namen Heinrich Pestalozzis zurückzuführen.
Um die Mitte des 19.Jahrhunderts wurden die alten Aristokratenfamilien in Graubünden
mehr und mehr aus den Ämtern verdrängt. Vielen gefiel es auch in der demokratisch
regierten Heimat nicht mehr, so daß sie sich zeitlebens im monarchischen Ausland aufhielten.
Einer der bemerkenswerten Pestalozzi des letzten Jahrhunderts ist der schon oben erwähnte
457
Seine gedruckte Eingabe an die «Hohe Oberherrlichkeit der Ehrs. Räthe und Gemeinden» vom 2.April
1795. -Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser Hercules v. Pestalozza den Kreisen um den französischen
General Masséna nahestand, der 1799 in Graubünden eine provisorische Regierung einsetzte.
458
Holländische Offiziersbücher, Mitteilungen aus dem Haag.
459
Vermerk im Totenregister, St. Martinskirche, 1784, 13. April (Zivilstandsamt Chur).
460
Ebenda, 1790, 13.Juni.
461
Freundliche Mitteilung der Schriftstellerin Tina Truog-Saluz (1928).