Was war das widrige Geschick, das diesen an Geld und Einfluß reichen Mann, diesen
bedeutendsten Kaufherrn unter den Chiavennern seiner Zeit und weitherum, unglücklich
gemacht, unverschuldet getroffen, ja ihm die Welt, die ihm sonst so viel geboten hatte, zur
bösen Stiefmutter gemacht hat? Die Kinder, die vierundzwanzig Jahre nach seinem Tode
diese Tafel in die Kirche von Soglio setzen ließen (wohl bei Anlaß der Rückkehr des Sohnes
Stefan in die bündnerische Heimat), können dabei an seinen schrecklichen Tod gedacht
haben. Paolo Pestalozza ist bei der Eroberung Chiavennas durch die Spanier am 22.Oktober
1621 von plündernden Soldaten aus dem Fenster seines Palazzo gestürzt worden, da er alt
und gebrechlich war und nicht mehr fliehen konnte. Eher noch wird aber mit dem
«unverschuldeten Geschick» die Vermögenskonfiskation durch das Thusner Strafgericht
gemeint sein. Denn diese war es, auf die sich die Anstrengung der Söhne richtete; in dieser
Angelegenheit erreichten sie auch nach langem eine Unschuldserklärung und Rehabilitation.
Paolo Pestalozza de Luna, der Enkel des Francesco Pestalozza und der Luna von Salis, war etwa
1540 geboren als Sohn eines Giovanni Antonio. Sein Vater muß Kaufmann und Bankier
gewesen sein, und schon um das Jahr der Geburt Paolos müssen Handelsbeziehungen mit
Wien aufgenommen worden sein, denn in einem Gesuch an den Kaiser aus dem Jahre 1630
weisen die Söhne, Johann Baptista und Stefan, darauf hin, daß sie und ihre Voreltern
nunmehr «in die neunzig Jahr in Österreich und mehrentheils zu Wien» ihren Handel
betrieben haben
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Paolo Pestalozza wußte das Handelsgeschäft zu vergrößern. Schon 1570 gehörte ihm der
Palazzo am Platz bei der Brücke in Chiavenna, und er ließ statt einer Firmatafel über der
Haustüre einmeißeln «Nob.Pauli Pestalozii Aediflcium Ao 1570». Er verfügte über ein großes
Netz von Handelsagenten, Faktoren und Korrespondenten, so in Como, Mailand, Genua und
anderen Orten. Er machte auch in Österreich größere Bankgeschäfte. So kam es, daß die
kaiserliche Verwaltung sich, bei dem bekannten chronischen Geldmangel, an Pestalozza um
Anleihen wandte. Dies erfolgte in den 1590er Jahren, als der Bedarf des Kaisers besonders
dringlich war, wurde er doch von den Türken bedroht und mußte die Mittel auftreiben, um
den Krieg finanzieren zu können. Ein Anleihen an den Kaiser in solchem Ausmaß war von
politischer Bedeutung. Pestalozza ersuchte daher seine Obrigkeit in den Drei Bünden um
Bewilligung zu dieser Transaktion. Der Bundestag konnte naturgemäß eine private
Beitragsleistung zum Kampf gegen die Ungläubigen nicht verbieten und beschloß daher:
«Dem Sr. Paul Pestalutza Luna, ist ihm heimgesetzt, so er gern dem Kayßer im
Türkenkrieg dienen will, das soll Ime zugelassen werden und sein
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(6).»
So unterstützte Paolo Pestalozza den Kaiser Rudolf II. «über vierzig Jahre lang mit
underschiedlich ansehenlich Darlehen und Gelthandlungen, zumal bey unter dem wider
gemainer Christenheit Erbvfeindt den Türcken geführten offnen Krieg», wie es in seinem
Adelsdiplom heißt.
Es waren die Darlehen eines Großbankiers, trotzdem dieser in dem kleinen Chiavenna
wohnte.
Selbstverständlich wurden diese Geldgeschäfte auch mit dem Nachfolger Rudolfs II., Kaiser
Mathias, fortgesetzt, da dieser nicht weniger auf die Hilfe großer Finanzmänner angewiesen
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Notizen von Dr. E. Pestalozzi-Pfyffer aus dem k. k. Adelsarchiv Wien (Eingaben von 1630 sowie zum
Diplom vom 21.2.1628).
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Staatsarchiv Graubünden, Chur, Bundestagsprotokolle, Bd. 7, 5.249.