und des Stapelplatzes sichtbar. Dieser Platz war in den Händen der Herren Pestalozzi. Sie
hatten ihn von der Gemeinde Novate und der Familie Stampa erworben. Hier erhoben sie
ihre Lade- und Umladegebühren. Hier ließen sie im Jahre 1502 ein Lagerhaus (die Sust, la
sosta) erbauen. Francesco Pestalozza, ein Enkel Balthasars und Stammvater der Linie de
Luna, schloß deswegen mit einigen ennetbirgischen Kaufleuten einen Vertrag, der ihm außer
dem Zoll eine Abgabe von jeder Saumlast als Lagergebühr sicherstellte.
Es sind zwei Punkte, an denen der Verkehr zusammengefaßt und beherrscht werden konnte,
die Brücke über den Mera in der Stadt und der Landeplatz am See-Ende. Wer diese beiden
Stellen besaß und die daran haftenden Rechte, der war -
nicht im politischen, aber im
wirtschaftlichen Sinne - der Herr von Chiavenna.
Auch das Haus, das die Brücke in Chiavenna beherrschte, gehörte der Familie Pestalozza. Es
war um 1450 von Antonio Pestalozza erbaut worden
30
. Die Front dieses Palazzo steht am
großen Platz (heute Piazza Rodolfo Pestalozzi), die Hinterfront steht über dem schäumenden
Mera und beherrscht die alte Steinbrücke, über die täglich im Sommer die Saumkolonnen
zogen. Zwei Linien der Familie hatten ihre Stammhäuser in der Nähe der Brücke von
Chiavenna, dort, wo schon Jahrhunderte früher die damals einflußreichste Familie ihren Sitz
gehabt hatte, das Geschlecht der de Ponte, das Geschlecht, dessen größter Vertreter Guibertus
Grassus in enger Beziehung zu Kaiser Friedrich Barbarossa gestanden hatte
31
.
Zu Ende des Mittelalters war die Familie Pestalozzi in die Fußstapfen dieses Geschlechtes
getreten und nahm die erste Stelle unter den adeligen Familien Chiavennas ein. Mit dem
Besitz dieser Zollrechte, mit der Beteiligung am Handelsverkehr war die wirtschaftliche
Stellung der Familie begründet. Zu Recht führte sie daher die Schlüssel Chiavennas, das
Sinnbild der Herrschaft über die Alpenzugänge, im Wappen. Aus jener Zeit, dem Ende des
15.Jahrhunderts, ist auch die älteste Darstellung des Familienwappens erhalten im
Wappenkodex des Museo Civico in Como. Es zeigt das bekannte Schildbild des Löwen mit
den beiden Schlüsseln, nur daß im Gegensatz zu den späteren Abbildungen die gelben
Querbalken noch als Doppelbalken erscheinen.
Außerdem aber besaß die Familie schon um die Mitte des 15.Jahrhunderts weitere Güterund
Zehntenrechte, Felder, Wälder und Weiden im Tal von Chiavenna und in der Ebene von
Mezzola
32
.
Soziale stellung des Geschlechts am ausgang des Mittelalters
Seit der Mitte des 15.Jahrhunderts sind die Notariatsprotokolle der Notare von Chiavenna
vorhanden und bieten eine reiche Quelle für die örtliche Geschichte. Jede Urkunde, Kauf,
Testament, Verpachtung und anderes wurde von einem Notar ausgefertigt, der davon eine
abgekürzte Abschrift, eine «Imbreviatur», behielt. Diese Abschriften sind in vielen Bänden
gesammelte
33
.
30
«in domo novo Ser Antonii et fratrum de Pestalotiis sito in contrato de ponte» - Archivio di Stato Sondrio,
Fondo Notarile, Notaio Nasali Giovanni fu Bernardo, 2.4.1456.
31
Archivio di Stato Sondrio, Fondo Notarile, Notaio Nasali Giovanni fu Bernardo, 7.2.1454, 3.2.1455, 4.2.1456
usw.
32
Pietro Buzzetti, Del Contado di Chiavenna, Como 1929, S.5f.
33
Die Angaben dieses und des folgenden Abschnittes sind den Notariatsprotokollen entnommen, wo nicht
eine andere Quelle vermerkt ist. Archivio di Stato Sondrio, Fondo Notarile, Protokolle der Notare
Nasali Giovanni fu Bernardo, 1454-1456,
Pestalozza Paolo fu Antonio, 1455-1483,