des Vergleichs dauerten die Spannungen an
564
. Johann Anton von Pestalozza lag nicht nur
mit seiner Familie, sondern auch mit Instanzen in der Pfalz im Streit. Da erinnerte er sich
seiner bündnerischen Staatsangehörigkeit und bat die Regierung Bündens um ein
Empfehlungsschreiben an den Kurfürsten in der Pfalz und an den Reichsmarschall von
Pappenheim. Die Bündner ließen ihn, trotz der früheren Differenzen, nicht im Stich.
Bezeichnend ist aber das diplomatische Schreiben des Reichsmarschalls Graf von
Pappenheim, eines Nachbarn der Herrschaft Tagmersheim, mit dem es dieser höflich ablehnt,
sich in die Prozesse Pestalozzas helfend einzumischen:
«Die Rechtshändel des Herrn von Pestalutza sind so weitläufig, kützlich und wichtig,
daß zu deren gründtlicher Ausführung ein eigener gelehrter und geübter Advokat
erforderet wird....» (und er mache sich nach Kenntnis der Dinge) «ein Gewüssen, ihm
mit einer Hoffnung zu schmeicheln, worin er sich, wenn ich nicht sehr irre, am Ende
würde betrogen finden»
565
.
Johann Anton von Pestalozza scheint eine Bestätigung des Freiherrenstandes erhalten zu
haben und wurde am 23.März 1739 kurfürstlicher Kämmerer.
Die nächste Generation hatte sich völlig in der Pfalz eingelebt. Von den beiden Töchtern hatte
die eine, Walburga, den Freiherrn Johann Nepomuk von Strahl, die andere, Franziska, den
Freiherrn Franz Xaver von Müller auf Gugelberg zum Gemahl.
Ein Sohn, Willibald, der 1762 im Alter von dreiundzwanzig Jahren unverheiratet starb, war in
kaiserliche Dienste getreten und Oberstlieutenant geworden
566
. Der älteste Sohn, Johann Ignaz
von Pestalozza (a 1736, ? 1787), saß als Majoratsherr auf Tagmersheim, Blossenau und
Übersfeld; seine Gattin war Maria Antonia Freiin von Wefelt-Sinningen. Nach seinem Tode
ist es dem Vormund seines Sohnes Jakob (a 1780, ? 1811) 1798 gelungen, die gesamte
Herrschaft Tagmersheim in seiner Hand wieder zu vereinigen, indem er die Güter, die
Hilaria Brocco seinerzeit (1672) für ihre anderen Kinder zurückbehalten hatte, von deren
Nachkommen, dem Baron von Hohenhausen, käuflich erwerben konnte. Damit waren auch
die Hofmark Emskeim und die dazugehörigen Güter wieder mit dem Schloß und der
Herrschaft vereinigt. Die Herrschaft umfaßte damals zweihundertzwei Familien als
Grundholden unter der Gerichtsbarkeit der Pestalozza, wozu noch zweiundachtzig
unständige Familien kamen.
Um jene Zeit scheint auch auf Tagmersheim, wie an vielen größeren und kleineren Höfen der
Rokokozeit, gelegentlich ein lockeres Leben geherrscht zu haben. Jedenfalls haben
verschiedene Hintersassen dort und eine Familie zu Neuburg den Namen Pestalozzi oder
eine Abart davon erhalten.
Reichsgrafen
567
Gegen Ende des Jahrhunderts trat durch Maria Ludwig von Pestalozza eine engere
Beziehung der Pestalozza auf Tagmersheim mit dem kurfürstlichen Hofe von Bayern in
Erscheinung.
Durch die merkwürdigen Schicksale, welche die Erbfolge der bayrischen Herzöge
564
Staatsarchiv Graubünden, Chur, Bundestagsprotokolle, Bd. 103, S. 186, 187 (24.6./5.7.1741), Bd.105, S.51-56
(28.2.1743).
565
Ebenda, Bd.117, S.440 (2./13.3.1757), S.656 (9.5.1757).
566
Kirchenbuch Tagmersheim.
567
Stammtafel 34