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Pestalozzi, in Lyon, die Pestalozzi-Porretini oder, wie sie sich bald bezeichneten, «Pestalozzi
Seigneurs de Porretin» (Stammtafel 36). Schon 1601 hatte sich Carlo Pestalozzi (Noble Charles
Pestalossy de Porretin) nicht nur dauernd in Lyon niedergelassen, sondern am 10.Dezember
jenes Jahres auch die Tochter eines Lyoner Bürgers, Damoiselle Marie Fouillet, geheiratet
582
.
Er löste seine Beziehungen zu Chiavenna, indem er seine Güter dort verpachtete, seine Pferde
verkaufte. Zu den verpachteten Gütern gehörte auch der Wald «Poretina»‚ von dem dieser
Familienzweig den Namen hatte, sowie der fünfte Teil der Alpen Valloga, Soreta und
Andosi, die schon dreihundert Jahre früher von der Familie beworben worden waren
583
. Da
er einer evangelischen Familie entstammte und auch selber mit seiner Familie diesem
Bekenntnis treu blieb, war die Vertreibung seiner Glaubensgenossen aus seiner alten Heimat
wohl ein Grund, die alten Brücken abzubauen. Nach seinem Tode führte seine Witwe das
Geschäft für ihre Söhne fort
584
. Bei ihrer Volljährigkeit übernahmen die drei Söhne, Jean,
Daniel und Hypolite Pestalozzi, die Firma. Diese gehörte zu den bestinformierten
Handeishäusern in Frankreich und verfügte auch in Paris über gute Beziehungen. Die Firma
gab eine von Hand geschriebene Zeitung heraus, die für die Kaufleute im In- und Ausland
von großem Interesse war. Sie wurde jedenfalls höher geschätzt als die damals in den
Anfängen steckende gedruckte Presse, die in der Form von anspruchslosen Wochenzeitungen
mehr Anekdoten als objektive Depeschen verbreitete. Die Firma Hans Melchior von Muralt in
Zürich zahlte beispielsweise 1664 19 Gulden an die Firma Pestalozzi in Lyon für die «von
Hand geschrybenen Paryser Zytungen»
585
. Im Jahre 1674 verkauften die Brüder Daniel,
Hypolite und Jean Pestalozzi die letzten ihnen noch gebliebenen Güter in ihrer alten Heimat.
Es war das ihr Anteil an einem alten Familien-Grotto «Dove si dice al Grotto delli Signori
Porrettini» samt Fässern und Wein sowie einigen anderen Gütern. Käufer war der
hochangesehene Vikar des Veltlins, Agostino Gadina di Torriani aus dem Bergell, der in
Chiavenna wohnte und eine Pestalozzi, Madonna Lidia (? 1676), zur Frau hatte
586
.
Gleichzeitig ließen sich die Herren Pestalozzi in Lyon in einer ausführlichen, ja geradezu
überschwänglichen Pergamenturkunde vom Rat in Chiavenna ihren alten Adel und ihr
Bürgerrecht bestätigen. Trotzdem schon ihr Vater Bürger zu Lyon geworden war, legten sie
Gewicht darauf, die alten Rechte in ihrer früheren Heimat zu behalten
587
.
Dann zog aber über die Industriestadt Lyon ein Sturm herauf, der durch die
Glaubensspaltung in Frankreich hervorgerufen worden war. Am 22.Oktober 1685 widerrief
König Ludwig XIV. das Toleranzedikt von Nantes. Dadurch wurden alle Evangelischen zur
Auswanderung gezwungen. Es waren vor allem die in der Seidenindustrie Tätigen, die
Frankreich verließen. Der glänzende Erwerbszweig der Stadt Lyon brach zusammen. Für die
meisten der auf die Seidenindustrie aufgebauten Handelshäuser schwand die wirtschaftliche
Grundlage dahin. Daniel Pestalozzi, der überlebende von den drei Brüdern, der damals im
achtundsechzigsten Lebensjahr stand, wurde katholisch -
trotzdem er noch evangelisch
getauft worden war -‚konnte also in Frankreich bleiben. Er verließ aber Lyon mit seiner
ganzen Familie. Wir werden ihn in Paris wieder finden.
                                                
582
Familienarchiv Zürich, I B 27 (Ehevertrag vom 10.12.1601).
583
Ebenda, I B 10, il und 26 (12.2.1610, 16.8.1618).
584
Staatsarchiv Zürich, Ratsurkunden B V, Bd.84, S.281 (28.5.1627).
585
Leo Weisz, Der Zürcher Nachrichtenverkehr vor 1780, in Neue Zürcher Zeitung, 15.8.1954, Nr. 1982.
586
Familienarchiv Zürich, I B 25 (Vertrag vom 19.2.1674). Kirche Castasegna (Graubünden), Grabtafel Gadina
di Torriani.
587
Familienarchiv Zürich, I B 14 (Attest vom 14.3.1679).
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