diplomatischer Mission gedient. Dr. med. Fortunato Pestalozza (1809-1878) hatte in Beirut in
Syrien gelebt. Dort war sein Sohn, Giulio Pestalozza (? 1930), geboren. Dieser erwarb sich
große Kenntnisse des Nahen Orients und beherrschte die arabischen Dialekte. Als er in den
italienischen diplomatischen Dienst trat, wurde ihm daher das Amt des Konsuls auf
verschiedenen Posten, vor allem aber im Nahen Orient übertragen. Er war nacheinander
italienischer Konsul in Damaskus, in Sansibar und in Tripolis, dann Zivilkommissar in
Assab-Massana. Er wurde sodann mit der Führung wirtschaftspolitischer Verhandlungen in
Somaliland, beim Sultan von Orbia, betraut, die er mit Erfolg durchführte. Commendatore
Giulio Pestalozza war auch Vorstand der Königlichen Geographischen Gesellschaft.
Im Fernen Osten hat für Italien Carlo Pestalozza (a 1877) aus der
älteren Linie von Vacciago
gewirkt. Er war zunächst Militärattaché und Handelsrat bei diplomatischen Stellen in Asien,
vor allem in China. Uber dieses Land, seine Bewohner und ihre Sitten hat er ein interessantes
Werk verfaßt. Er bekleidete den Grad eines Marineobersten und den Rang eines
Commendatore della Corona dItalia und war ein bekannter Reiter. Sein Sohn Umberto (a
1925), der als Ingenieur in Buenos Aires lebt, hat den Namen und Titel Conte Umberto
Pestalozza Piatti dal Pozzo angenommen. Die Gattin nämlich des Commendatore Carlo
Pestalozza, Donna Costanza Piatti dal Pozzo, ist die Enkelin des Grafen Vittorio Piatti dal
Pozzo und der Prinzessin Costanza Poniatowsky. Sie hat den Namen ihrer Familie auf ihren
Sohn übertragen, um dessen Weiterführung zu sichern.
Einige Pestalozza aus der jüngeren italienischen Linie haben sich mit Erfolg in der Industrie
betätigt. Unter diesen seien genannt: Paolo Pestalozza (1878-1947), der als Leiter eines
elektrochemischen Unternehmens die «elektrolytische Zelle» für die Sodaverarbeitung schuf;
sein Bruder, Francesco Pestalozza (a 1883) in Turin, Commendatore della Corona dItalia,
Industrieller auf dem Gebiete der Holzverarbeitung; dessen Sohn, Ingenieur Gaspare
Pestalozza (a 1907), der die elektrische Zentrale der Vatikanstadt schuf sowie die industriellen
Anlagen der «Apuania» und der «Lambretta» verwirklichte.
Der berühmteste Pestalozza indessen im modernen Italien war Arzt und Gelehrter. Ernesto
Pestalozza wurde am 20.Dezember 1860 in Mailand als Sohn des oben genannten
Wasserbauingenieurs Alessandro geboren. Er doktorierte an der altberühmten medizinischen
Fakultät zu Pavia, 1884, und blieb zunächst dort als Assistent der gynäkologischen Klinik. An
dieser Universität habilitierte er sich 1889 als Privatdozent. Schon 1891 erhielt er den
Lehrstuhl für Obstetrik an der Universität zu Genua. Zwei Jahre darauf siedelte er nach
Florenz über, dort wurde er 1896 zum Ordinarius befördert. Durch seine wissenschaftlichen
Untersuchungen, durch seine Verbesserungen der chirurgischen Technik, durch
bahnbrechende Erkenntnisse von Krankheitserscheinungen auf dem Gebiet der Geburtshilfe,
vor allem auch durch seine Gabe der Lehre hat er in kurzer Zeit seine älteren und
gleichaltrigen Kollegen überflügelt. Im Jahre 1906 erreichte er den von den italienischen
Lehrern aller Fakultäten angestrebten Lehrstuhl, die Professur in der Hauptstadt Rom. Dort
öffnete sich ihm ein großes Wirkungsfeld als akademischer Lehrer, als Leiter der großen
Frauenklinik, als Forscher, als praktizierender Arzt und Chirurg. Er war wohl in den
zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts in allen Bevölkerungskreisen der Ewigen Stadt eine
der bekanntesten Persönlichkeiten. Er war der Leibarzt der Königin. Er widmete sich aber
auch voller Hingabe den Werken zur Unterstützung der Mutterschaft. Mehrere Seiten füllte
die Liste der Veröffentlichungen aus seinem Fachgebiet von 1890 bis 1929. Er gründete eine
besondere Fachzeitschrift «La Ginecologia». Selbstverständlich war er Ehrenmitglied
verschiedener wissenschaftlicher Gesellschaften, wie der französischen Académie des