Calvin, auf die Kirchen des Auslandes und auf die Geistlichkeit der ganzen Schweiz.
Das war die Bedeutung der Stadt Zürich, in die ums Jahr 1550 der Jüngling Johann Anton
Pestalozza aus Chiavenna einzog.
Geboren 1537 als jüngster Sohn des Kaufmanns Andrea Pestalozza und der Lucretia Oldrada,
wurde er zu seiner Ausbildung als angehender Kaufmann Tauschweise «an den Tisch
gegeben» zu dem Zürcher Eisenkaufmann Junker Bernhard von Cham (1508-1571). Dessen
jüngster Sohn Bernhard kam dafür im Tausch nach Chiavenna in die Lehre. Im Gegensatz zu
Johann Anton kehrte Bernhard nachher in seine Heimat zurück, ward später zürcherischer
Landvogt in Grüningen und starb 1573 als letzter seines Geschlechts. Der Lehrherr Johann
Antons, Junker Bernhard von Cham, war nicht nur Kaufmann, sondern auch Staatsmann.
Gerade um jene Zeit verwaltete er die Landvogtei Wädenswil (1550-1558). Sein
Handelsgeschäft befand sich in einem der schönsten, heute noch erhaltenen, mittelalterlichen
Gebäude der Altstadt, im Hause zum Napf an der Napfgasse, das jetzt von der Stadt
restauriert worden ist. In jenen geräumigen Kontorstuben und Lagern wurde unser
Stammvater in die Anfangsgründe des Handels mit seinen weltweiten Beziehungen
eingeführt. Sein Lehrmeister aber wandte sich später völlig dem Staatsdienst zu und regierte
als Bürgermeister während eines Jahrzehnts (1560 bis zu seinem Tode 1571) die Geschicke
des Stadtstaates.
Nach seiner Lehre bei Bernhard von Cham kam Johann Anton zu dessen Freund, dem
Krämer Andreas Gessner (1482-1568), dem Zunftmeister der Kaufleutezunft zur Saffran.
Inzwischen hatte sich in Zürich eine reformierte Gemeinde italienischer Auswanderer
gebildet. Am 12.Mai 1555 waren unter dem Schutze Heinrich Bullingers die vertriebenen
Locarner angekommen. Ihrer mehr als hundert Glaubensflüchtlinge, vorab aus den Familien
der Orelli und Muralt, waren auf dem Seewege eingetroffen. Sie waren mit offenen Armen
empfangen worden und erhielten anfänglich einen eigenen reformierten Gottesdienst in
italienischer Sprache in der Peterskirche. Ihr Prediger war Bernardino Occhino.
Selbstverständlich hat auch Johann Anton Pestalozzi zu diesen Locarner Glaubensgenossen,
mit denen ihn die gemeinsame Sprache verband, enge Beziehungen gepflegt, hat er doch in
jenem Kreis später seine zweite und dritte Frau gefunden.
Seine erste Ehe ging Johann Anton 1561 mit der Enkelin seines Prinzipals, Anna Gessner
(1535-1571), ein. Er hatte den Entschluß gefaßt, in Zürich zu bleiben, und hier eine neue
Heimat gewählt, in der sein Geschlecht wachsen und blühen sollte.
Es ist ein Irrtum, wenn spätere Historiker und einzelne Biographen Heinrich Pestalozzis
annehmen, die Übersiedelung der Familie Pestalozzi nach Zürich sei auf
Protestantenverfolgungen in ihrer bisherigen Heimat Chiavenna zurückzuführen, ein Irrtum,
der dadurch entstand, daß die Familie Pestalozzi mit den aus Locarno vertriebenen Familien
Orelli und Muralt in Zusammenhang gebracht wurde. Die Gründe, weshalb Johann Anton
Pestalozzi nicht mehr nach Chiavenna zurückkehrte, lassen sich zunächst nur vermuten.
Vielleicht wollte er hier neue Handelsbeziehungen anknüpfen in Verbindung mit seiner in
Chiavenna verbliebenen Familie. Und tatsächlich lassen sich solche Beziehungen nachweisen.
Vielleicht fühlte er sich als Protestant in der Zwinglistadt wohler als in jener Kleinstadt, wo
Religionszwist -
verborgen vorerst -später doch noch zum Bürgerkrieg entflammen sollte.
Vielleicht zog ihn die reformierte Gemeinde der Locarner in Zürich an. Vielleicht hatte seine
junge Frau in ihm den Entschluß zum Bleiben groß werden lassen, vielleicht! Sicher aber ist