eine Zierde jener alten, schönen Häuserfront ist. Auch das Innere dieser behäbigen
Wohnstätte wurde um jene Zeit entsprechend der gesellschaftlichen Stellung und der
Bedeutung der Familie von Künstlerhand ausgeschmückt. Erhalten sind noch vier hübsche
Wandmalereien, die der angesehene Zürcher Maler und Kunstschriftsteller Johann Kaspar
Füssli (1706-1782) für die Räume des «Weißen Turms» geschaffen hat. Es sind Stilleben in der
Art der damals beliebten Quodlibets mit einer Zusammenstellung von Blumen, Vögeln und
Früchten mit gediegenen Geräten wie Violine, Globus, zierlichem Tintenfaß, die einen
Hinweis auf Liebhabereien und kulturelle Interessen der Besteller enthalten
148
. Das Geschäft
im «Weißen Turm» verlor jedoch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mehr und mehr an
Bedeutung. Johann Rudolf Pestaluz war assoziiert mit den Seidenhändlern Schuithess in
Bergamo. Als 1750 der Familienfonds gegründet wurde, ward er einer der ersten Kuratoren.
Von seiner Frau Elisabetha Lavater hatte er vierzehn Kinder. Zwölf davon fielen der
damaligen großen Kindersterblichkeit zum Opfer, ein weiterer Sohn, Jakob, wurde ihm im
Alter von sechzehn Jahren durch einen Unfall entrissen. Er ertrank in der Sihl «beim
Spazieren am Sonntag Abend».
So blieb nur der einzige Sohn, Johann Rudolf Pestaluz (1736-1816), im «Weißen Turm». Er war
ebenfalls Zünfter zur Schuhmachern, wurde in der Zürcher Miliz Hauptmann und 1755
Mitglied des Stadtgerichts. Unter der Firma «Pestaluz und Compagnie zum weißen Thurm»
betrieb er das Seidengeschäft weiter. Er befaßte sich hauptsächlich mit Bankgeschäften und
mit dem Handel in Rohseide und Tramen. Doch die glücklichen und erfolgreichen Tage der
Firma im «Weißen Turm» waren vorüber. Durch Spekulationen kam er in schwierige
Verhältnisse. Trotz der Unterstützung durch den Familienfonds, aus dem er 1500 fi. und
später auch eine Pension erhielt, geriet er in Konkurs, und er zog 1795 nach Paris, der Stadt,
welche damals der Welt neues Heil versprach. Das Familienhaus zum Weißen Turm wurde
im gleichen Jahr um 11 000 alte Schweizerfranken an Rudolf Simmler verkauft. Als Johann
Rudolf Pestaluz nach der Revolution wieder in die alte Heimat zurückkehrte, begegnete ihm
noch das Mißgeschick, daß die kaiserlichen Truppen ihn für einen Spion hielten und kurze
Zeit (22.Juli 1799) gefangen setzten
149
. Er starb 1816 in Wallisellen, und mit ihm erlosch die
Linie «zum Weißen Turm».
Seine Frau, Anna Margarethe Ziegler aus dem Pelikan (1741-1773), hatte die schlimmen
Zeiten nicht mehr erlebt. Auch seine beiden Töchter hatten das Elternhaus schon vorher
verlassen. Anna Elisabetha hatte 1782 den Amtmann Christoph Bodmer im Windegg
geheiratet, war aber im gleichen Jahr gestorben. Anna Maria war 1787 ins sogenannte
«Schmittenhaus» eingezogen als Gattin des Kaufmanns Hans Rudolf Schinz (gest. 1839).
Noch einmal, in der schlimmen Franzosenzeit, fand eine Tochter der Familie Pestalozzi unter
dem Dach des «Weißen Turms» Zuflucht. Ursina von Pestalozzi von Chur war im Herbst
1798 aus Graubünden geflohen. Ihr Gatte Johann Gaudenz von Salis-Seewis, ein Anhänger
der Helvetik, war damals zum Generalinspektor der Zürcher Miliz berufen worden und
wurde kurz darauf Generalstabschef der helvetischen Truppen. In jenem Kriegswinter
brachte er Frau und Kinder in Zürich unter und fand für sie eine Wohnung in diesem
ehemaligen Pestalozzi-Haus
150
.
Das Stammhaus zum Brünneli
151
Dreimal im Zeitalter der Religionskriege öffnete die Stadt Zürich als Beschützerin der
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Staatsarchiv Zürich, Bauprotokolle B III, 126, 5. 113 (6.6.1735). Ursula Isler-Hungerbühler, Zürcher
Dekorationsmaler des 18.Jahrhunderts, Zürcher Taschenbuch 1954, S.50.
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Tagebuch von Obmann Köchli, Zürcher Taschenbuch 1899, S.42.
150
Adolf Frey, J. Gaudenz v. Salis-Seewis, Frauenfeld 1889, S. 166.
151
Stammtafeln 20 und 25