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© dpa - Meldung vom
01.06.2004 Göteborg
- Sie nennen es Facelift: Die Auto-Designer nehmen sich ein leicht
angegrautes Modell vor, um es mit möglichst einfachen Mitteln etwas
aufzupeppen. Die erhoffte Folge ist, dass manche Autokäufer meinen, der
Wagen sehe doch nicht so alt aus.
Wenig später erscheint dann ein
Nachfolgemodell, und die ganze Sache ist vergessen. Auch in Schweden
hatte man Ende der sechziger Jahre einen entsprechenden Plan - und war
wohl reichlich verwundert, welche Folgen die Aktion hatte. Denn die
Auffrischungsaktion bei Volvo schuf einen Klassiker, der seine Basis
tief in den Schatten stellt: den P1800 ES, auch Schneewittchensarg
genannt.
Bekannt
ist und war Volvo vor allem für recht trutzige und solide Limousinen.
Aber dann und wann gönnten sich die Schweden auch einen Hauch von
Sportlichkeit. Ende der sechziger Jahre hieß das entsprechende Auto im
Programm P1800 - und hatte seine besten Zeiten längst hinter sich. Vor
allem optisch war der Zweitürer nicht mehr auf der Höhe der Zeit: Am
Heck prangten Andeutungen von Heckflossen und erinnerten an eine
Blechmode, die schon längst das Zeitliche gesegnet hatte. Vorne sah der
Wagen ähnlich überholt aus: Während alle Welt auf modische rechteckige
Scheinwerfer setzte, hatte der p1800 runde Leuchten samt Chromrand.
Nun
war das alles eigentlich kein Wunder - immerhin gab es das Volvo-Coupé
schon einige Jahre. Prototypen kamen bereits 1957 ans Licht, das erste
Serienmodell des P1800 rollte dann 1961 vom Band. Eine Zeit lang genoss
der Volvo sogar eine gewisse Prominenz, kreuzte doch Schauspieler Roger
Moore in seiner Rolle als Simon Templar mit dem Wagen über die
Bildschirme - was allerdings eher ein Zufall war. Eigentlich sollte er
die Kriminellen in einem schicken Jaguar E-Type jagen. Die Legende
besagt, dass Jaguar von der Produktionsfirma den vollen Preis für ein
solches Auto verlangte, weswegen diese wiederum auf die schwedische
Alternative zurückgriff.
Im Laufe der Zeit verblasste dann nicht
nur der Leinwandruhm, auch die Form sah irgendwie immer blasser aus.
Man retuschierte hier, retuschierte da - aber so richtig half das
nicht. Natürlich gab es die Möglichkeit, den Alten aus dem Programm zu
werfen und ein komplett neues Modell zu präsentieren. Nur war diese
Alternative nach einem Blick in die Firmenkasse nicht wirklich eine.
Also
kamen die Firmenbosse auf eine andere Idee. Chefdesigner Jan Wilsgaard
sollte das Coupé noch einmal auf Vordermann bringen. Das Ziel war es,
mit möglichst wenig Aufwand einen möglichst großen Effekt zu erreichen.
Für Wilsgaard war die Arbeit mit der bekannten Coupé-Form nicht
wirklich etwas Neues.
Laut der in Mainz erscheinenden Zeitschrift
«Oldtimer-Markt» hatte er immer mal wieder an neuen Ideen für das Auto
gefeilt, sie auf Skizzenblöcke gezeichnet oder aus Plastilin zu
Modellen geformt. Es soll eine Art Targa-Version mit herausnehmbaren
Dachhälften gegeben haben oder ein Coupé, das ohne die überholten
Heckflossen auskam und um einiges moderner wirkte.
Dieses Mal
jedoch schlug Wilsgaard einen anderen Weg ein: Man hatte sich für eine
Art sportlichen Kombi entschieden, und der Designer verarbeitete seine
Ideen zu zwei Studien, die unter den Namen Beach Car und Rocket bekannt
wurden. Wie die Namen, so unterschieden sich auch die Ergebnisse
merklich: Rocket, das war der Extrementwurf. Zwar blieb auch hier die
Frontpartie des Coupés erhalten. Das Heck erinnerte jedoch nicht mehr
im Entferntesten an die Wurzeln des Wagens. Die barocken Formen des
Coupés wurden ersetzt durch eher glatte Blechflächen und eine nahezu
steil stehende Glas-Heckklappe. Den Volvo-Chefs war das dann doch zu
viel des Modernen - die Schweden-Rakete blieb ein Einzelstück.
Besser
anfreunden konnten sich die Herren mit dem Konzept des Beach Car. Diese
Studie war optisch schon sehr nahe an dem, was dann einige Jahre später
auf den Markt kam. Denn obwohl das Beach Car bereits 1968 auf den
Rädern stand, sollte es noch drei Jahre dauern, bis das Lifting des
Coupés zu einem Serienmodell wurde.
Im August 1971 konnte die
Welt sehen, dass Wilsgaard ganze Arbeit geleistet hatte: Mit wenigen
Kunstgriffen war etwas entstanden, das dem alten Coupé neuen Schwung
gab. Was den P1800 ES so besonders machte, war vor allem Glas - viel
Glas. Nicht nur, dass die großen Seitenscheiben unter dem lang
gezogenen Dach für bessere Sicht nach allen Seiten sorgten, das
eigentliche Wahrzeichen des ES ist die komplett aus Glas gefertigte
Heckklappe.
Alles in allem wurde die bislang eher betuliche Form
derart aufgefrischt, dass der Volvo als echter Blickfang galt. Nicht
jeder fand ihn wirklich schön, aber jeder guckte hin - und das, obwohl
die Idee des sportlichen Kombis so neu nun auch nicht war. Immerhin
hatte der britische Sportwagenhersteller MG seinem B-Roadster ebenfalls
ein Dach samt Heckklappe verpasst und das Ergebnis MG-B GT genannt.
Wie
auch immer - der P1800 ES hatte das gewisse Etwas. Und er hatte bald
auch einen Spitznamen, der heute bekannter als die Werksbezeichnung
ist. Irgendein fantasievoller Geist fühlte sich von dem rollenden
Glashaus an einen Schneewittchensarg erinnert. Dabei blieb es - und
überraschenderweise hat der Begriff Sarg bei diesem Auto niemals für
ein schlechtes Image gesorgt.
Ganz allein wollte Volvo dem Neuen
das sportliche Feld vorerst aber noch nicht überlassen. Daher lief die
bekannte Version des Coupés weiter vom Band. Schließlich hatte das
nunmehr 1800 E genannte Auto erst kurz zuvor einen Einspritzmotor
bekommen. Der trieb natürlich auch den ES an, er teilte ja die Basis.
Das 2,0-Liter-Triebwerk leistete 91 kW/124 PS und trieb den Sportkombi
auf bis zu 185 Stundenkilometer, was seinerzeit kein schlechter Wert
war. Eine Beschleunigung in 10,8 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100
machte sich ebenfalls nicht nur im Auto-Quartett gut.
Auch bei
den Kunden kam der Schneewittchensarg gut an. Trotzdem blieb das Auto
nur eine Episode. Nachdem die Coupé-Version des 1800 eingestellt war,
lief 1973 nur noch der ES vom Band - bis am 27. Juni jenes Jahres nach
8077 Exemplaren auch für ihn das Ende gekommen war. Bis heute
allerdings ist der Schneewittchensarg unvergessen und wohl einer der
bekanntesten Volvos überhaupt. Verbliebene Exemplare im Bestzustand
werden wegen der einzigartigen Form und auch wegen ihrer Seltenheit zu
Preisen weit oberhalb der 30 000-Euro-Marke gehandelt.
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